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14.02.2002

19:00 Uhr

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Börse straft Wagniskapitalgeber ab

VonAnja Müller

Nach dem Boom des Jahres 2000 mussten die Wagniskapitalgeber im vergangenen Jahr ein Drittel ihrer Beteiligungen abschreiben, Börsengänge der Portfoliofirmen waren kaum möglich. Das trifft die börsennotierten Geldgeber besonders hart - sie werden von Analysten kaum noch beachtet.

DÜSSELDORF. Das Jahr 2001 können sie abschreiben, so die einhellige Meinung der Private-Equity-Branche. Ihr Geschäft: Sie beteiligen sich auf Zeit an nicht-börsennotierten Unternehmen. Geld verdienen sie erst, wenn sie ihre Anteile an der Börse oder an Konzerne verkaufen.

Genau dort liegt aber das Problem: Ganze acht Unternehmen konnten deutsche Beteiligungskapitalgesellschaften im vergangenen Jahr an die Börse bringen, mehr als ein Drittel aller Abgänge waren Totalverluste. Die Gesellschaften mussten das Investment komplett abschreiben. Das gab der Bundesverband der Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) in dieser Woche bekannt.

"Besonders die Finanzierung ganz junger Technologiefirmen ist deutlich zurück gegangen", kommentiert BVK-Geschäftsführer Holger Frommann die Zahlen seiner Mitglieder. Das trifft vor allem die Gesellschaften, die sich auf dieses Geschäft spezialisiert haben, Venture-Capital- (VC) oder Wagniskapitalgeber genannt. Ihnen fällt es zurzeit besonders schwer, Geld für neue Fonds einzusammeln. Denn sie haben viel Geld in Internet-Firmen investiert und so manches Mal zu viel für die Beteiligung bezahlt. Nach dem Internet-Boom müssen sie viele dieser Beteiligungen abschreiben.

Noch härter trifft das die Wagniskapitalgeber, die selbst an der Börse notiert sind. Sie müssen Quartalsberichte vorlegen und ihr Portfolio immer wieder neu bewerten. Sie sammeln ihre Fondsgelder nicht bei Banken, Pensionskassen und Versicherungen ein, sondern bekamen ihr Kapital von der Börse.

Die Kurse der Aktien von BMP, Knorr Capital, UCA und TFG fielen gemessen an den Höchstständen im Jahr 2000 um 90 % und mehr. Und so schauen viele Analysten mittlerweile weg, wenn es um börsennotierte VC-Gesellschaften geht. Die Analysten, die sich in Deutschland noch mit Venture Capital befassen, sehen sich vor allem noch die Aktien der TFG genauer an. Doch auch sie hatte gestern nichts Gutes zu berichten. TFG muss weitere 48 Mill. ? abschreiben - damit stieg die Summe der Abschreibungen im Jahr 2001 auf 105 Mill. ?. "Aber das sind die letzten Abschreibungen in dieser Größenordnung", beteuert TFG-Vorstand Michael Stallmann. Er will nach dem "grottenschlechten Jahr 2001" befreit starten.

"Nur für risikobewusste Anleger"

Die TFG hat die Analysten mit ihren hohen Abschreibungen geschockt. "Sie sind doppelt so hoch, wie ich es erwartet habe", sagt Adrian Hopkinson von WestLB Panmure. Dennoch steht die Aktie bei Hopkinson weiter auf Kauf. "Sie ist eine interessante Option auf die Technologiebranche." Mittelfristig seien die weiteren Aussichten aber bescheiden, findet Andreas Wiederhold von Independent Research. Dennoch stuft auch er die Aktie nicht herunter. Die aktuelle Bewertung der Aktie (siehe Chart) liege unter dem Net Asset Value von 7,34 ? je Aktie und über dem Barmittelbestand von 3,12 ?. Sein Urteil: marktneutral. Allerdings nicht ohne die Anmerkung: "nur für risikobewusste Anleger."

Einig sind sich die Analysten, dass die börsennotierten VC auf absehbare Zeit kein Geld von der Börse bekommen werden. Sie hätten in den vergangenen Monaten zwar Mitarbeiter entlassen und gespart, wo es ginge, aber "das Problem liegt für börsennotierten Gesellschaften nicht auf der Kosten-, sondern auf der Ertragsseite", sagt Wiederhold.

Wichtig für die Erholung der Branche und damit besonders für die börsennotierten Spieler sei ein "freundlicheres Umfeld für Börsengänge", sagt Peter Barkow, Analyst bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Wer als Anleger bei börsennotierten VC-Gesellschaften einsteigen wolle, müsse sich aber die Mühe machen und sich auch das Portfolio, also die einzelnen Beteiligungen, anschauen.

Besser sehen die Prognosen für die britische Beteiligungskapitalgesellschaft 3i aus. Sie spiele in einer anderen Liga, sagt Wiederhold. Das Unternehmen investiert mit seinen rund 1 000 Mitarbeitern nicht nur in junge Technologiefirmen, sondern beteiligt sich auch an etablierten Unternehmen. Der Aktienkurs von 3i verlor aber seit dem Höchststand im Jahr 2000 fast 59 %. Auch die Briten entließen im vergangenen Jahr 17 % ihrer Mitarbeiter und schrieben ebenfalls viele Investments ab. Iain Scouller von UBS Warburg sieht die 3i-Aktie seit längerem in der Halten-Position. Damit ist er pessimistischer als seine Kollegen von Merrill Lynch, dort wird die Aktie langfristig als "strong buy" betrachtet.

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