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02.08.2000

19:44 Uhr

Börseneinbruch führte bei Wagniskapitalgebern zu mehr Vorsicht

Kommentar: Marktbereinigung im E-Commerce geht weiter

VonDIRK HINRICH HEILMANN

Dutzende hoch bewerteter Internetfirmen brauchen dringend neues Kapital. Nachdem den Firmen anfangs von Kapitalgebern das Geld regelrecht aufgedrängt wurde, halten sich neuerdings Wagniskapitalgeber deutlich zurück.

"Die erste Million ist die schwerste", lautet das meist zitierte Sprichwort für Unternehmensgründer. Für Hunderte von Internetfirmen galt das nicht. Die Wagniskapitalgeber drängten ihnen die Millionen nur so auf. Eine Bewertung von 100 Millionen Mark für ein neu gegründetes Unternehmen ohne Umsatz und nicht einmal mittelfristiger Aussicht auf Gewinne galt als rational. Schließlich rissen einem die Anleger ja jede Aktie mit E-Commerce- Phantasie unbesehen aus der Hand.

Doch seit dem Börseneinbruch im März haben nicht nur die Anleger, sondern auch die Wagniskapitalgeber eine 180-Grad-Wende vollzogen. Die Folge: Dutzende mit Millionenpolstern gestartete Internetfirmen putzen seit Monaten vergeblich die Klinken der Investoren. Derweil schrumpfen ihre Geldreserven mit der Marktbewertung um die Wette. War im Mai in der Branche noch von einer Halbierung der Firmenbewertungen die Rede, heißt es jetzt, Internetfirmen erreichten nur noch 20 bis 25 Prozent des Wertes, den sie zu Jahresanfang erzielt hätten.



Internet-Einzelhändler finden immer seltener neue Investoren

Vor allem Internet-Einzelhändler, im Fachjargon Business-to-Consumer (B2C), haben größte Mühe, überhaupt noch eine zweite Finanzierungsrunde zu bekommen. Niemand will Geld in Firmen stecken, deren Aktien an der Börse unverkäuflich sind. Die spektakuläre Pleite des britischen Modehändlers Boo.com war nur ein erster Schock. Mit Dressmart ist jetzt erneut ein einst hoch gehandelter Modehändler kurz vor dem angekündigten Börsengang kollabiert. Etliche andere Firmen haben inzwischen vermutlich still und leise den Stecker gezogen oder werden dies in den kommenden Monaten tun.

So weit könnte man von einer bedauerlichen, aber unvermeidlichen Marktbereinigung sprechen: Die Pleitewelle wird über den B2C-Bereich hinaus alle Internetfirmen in ihren Strudel ziehen, die ohne überzeugendes Geschäftsmodell gestartet sind und dank üppiger Kapitalausstattung zu schnell einen überdimensionierten Kostenapparat aufgebaut haben. Die vor Monaten noch so euphorischen Analysten, Unternehmensberater und Wagnisfinanzierer haben dem Schlachtruf "Gewinne sind egal" abgeschworen und interessieren sich nur noch für in absehbarer Zeit profitable Unternehmen.

Hat das E-Business also seine Rüpeljahre hinter sich? Mitnichten, wie die Entwicklung an den Aktienmärkten zeigt. In den USA gibt es gerade mal vier Monate nach dem Absturz von E-Commerce-Werten eine Hysterie um Internet-Infrastrukturanbieter. Gründer, die nur 20 Millionen Dollar Wagniskapital haben wollten, bekommen 50 Millionen aufgedrängt. Aktienkurse unbekannter und auf mittlere Sicht unprofitabler Glasfasertechnik-Hersteller schießen am ersten Handelstag um mehrere Hundert Prozent in die Höhe. Jeder von ihnen erreicht sofort einen Börsenwert von mehr als einer Milliarde Dollar, aber keiner hat auch nur 100 Millionen Umsatz.

Klingt das vertraut? Viel haben die Anleger aus dem Dot-com-Desaster nicht gelernt.

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