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20.06.2000

12:35 Uhr

Börsengänge von Internetfirmen bringen spektakuläre Emissionsgewinne

Hongkong im "dot-com-Fieber"

Goldrausch in Hongkong: Neuemissionen von Internetfirmen versprechen riesige Kursgewinne. Doch mit diesen dot-com-Werten kaufen Anleger jede Menge Hoffnung und sehr wenig Substanz.

olm HONGKONG. Mit einem Paukenschlag hat sich die Hongkonger Internet-Branche Mitte Februar in die Schlagzeilen katapultiert: Damals übernahm die blutjunge Internetholding Pacific Century Cyberworks (PCCW) die Traditionsfirma Cable & Wireless HKT. Der Börsengang des Internetportals tom.com heizte kurz darauf die Erwartungen der Anleger weiter an. Innerhalb von Tagen verachtfachte sich der Kurs. Und das, obwohl das erst Wochen zuvor gegründete Unternehmen wenig mehr zu bieten hat als eine Geschäftsidee und einen Mehrheitsaktionär mit ausgezeichneten Kontakten nach China: Den Multimilliardär Li Ka-shing. Als am letzten Tag der Zeichnungsfrist für tom.com zehntausende Privatanleger die Banken stürmten und die Antragsformulare ausgingen, musste die Polizei die Internet-Hysterie eindämmen. Der Markt bewertet tom.com derzeit mit umgerechnet rund 4 Mrd. Euro. Angesichts eines noch mickrigen Internetangebots und eines greifbaren Firmenvermögens von lediglich 190 Mill. Euro "lächerlich", urteilt der Hongkonger Finanzkommentator David Webb in einem auf seiner Internetseite webb-site.com veröffentlichten Report.

Und trotzdem: Das Kursfeuerwerk von tom.com hat in den vergangenen Wochen die Börsengänge von Unternehmen wie hongkong.com und Sunevision ins Rampenlicht geholt. Wer sich mit dem dot-com-Fieber ansteckt, dem drohen jedoch auch schmerzhafte Kursverluste: Zwar schoss hongkong.com, ein regionaler Ableger des an der Nasdaq notierten Internetportals china.com, am Tag der Erstnotiz bis auf 9,10 HK $ (Ausgabepreis: 1,88 HK $). Seitdem geht es aber stetig abwärts, inzwischen steht die Aktie bei 2,73 HK $. Das Rückschlagpotential für Internet-Titel ist beträchtlich: Der PCCW-Kurs zum Beispiel ist inzwischen von 28,50 auf 18,70 HK $ abgesackt. Hongkonger dot-com-Werte profitieren vor allem von der China-Phantasie der Anleger. Doch die Geschäftspläne ähneln sich, alle wollen zum führenden Anbieter auf diesem Markt avancieren. Wer das Rennen wirklich macht, ist völlig offen.

"Selektion wird immer wichtiger", urteilt deshalb Thomas Gerhardt, der für DWS die Südostasien-Fonds Mandarin und Tiger managt und den weltweit investierten DWS Internet-Fonds bei Asien-Engagements berät. In Hongkong müssten andere Bewertungsmaßstäbe angelegt werden als in den USA oder Europa. Ein "Welten von der Börsenreife entferntes" Unternehmen wie tom.com zum Beispiel hätte in den USA nie eine Chance gehabt. Doch die guten Verbindungen Li Ka-shings zur chinesischen Führung sei für die Expansion ins Land der Mitte ein entscheidender Vorteil. Obwohl Gerhardt langfristig an den Erfolg von tom.com glaubt, hat er sich so verhalten wie die meisten Hongkonger Anleger: Den Emissionsgewinn mitgenommen und dann schnell verkauft.

An PCCW führt für Gerhardt "langfristig kein Weg vorbei". Allerdings bekämen Anleger derzeit mit der japanischen Internetholding Softbank im Vergleich ein deutlich besseres Beteiligungsportfolio. Angesichts der Risiken bevorzugt Gerhardt derzeit Werte wie den Mobilfunker China Telecom oder den Computerhersteller Legend, Unternehmen, die Gewinne schreiben und gleichzeitig von ihren Internet-Engagements in China profitieren. Diese Aktien gefallen auch Volker Kuhnwaldt, dem Manager des asiatischen Internetfonds Nordasia.com von Nordinvest. Hongkong hat Kuhnwaldt in seinem Portfolio mit 20 % gewichtet. Den Kurssturz von hongkong.com nutzt er derzeit zum Zukauf, und auch Sunevision hat seiner Ansicht nach Potential. Hinter dem Unternehmen steht der größte Immobilienkonzern der Stadt, Sun Hung Kai. Der verfügt über gute China-Kontakte und eine starke Finanzbasis. PCCW, eine große Position in Kuhnwaldts Fonds, sieht er vor einer Bewährungsprobe: Entscheidend sei, wie dem Management-Team die Integration von HKT gelinge. Wie Gerhardt rät allerdings auch Kuhnwaldt wegen der hohen Volatilität des Markts zur Vorsicht bei Engagements in Hongkonger Internet-Werten: Chance und Risiko lägen dort besonders eng.

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