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18.03.2003

20:56 Uhr

Börsenkolumne aus New York

Die Ungewissheit zwischen Rallye und Krieg

VonLars Halter © Wall Street Correspondents (Inc.)

Nun ist alles klar, der Präsident und oberste Feldherr hat gesprochen. Wenn Saddam Hussein und seine Söhne nicht binnen 48 Stunden den Irak verlassen haben, dann werden die USA einmarschieren. Der Diktator am Golf hat das Angebot bereits abgelehnt. Die Kanonen donnern also bald - und der Markt weiß nicht, was er machen soll.

Die Situation ist auch nicht einfach. Nur militärisch scheinen Vor- und Ausgang klar. Es ist unter Experten unbestritten, und auch für den Laien nachvollziehbar, dass die USA keine Mühe haben dürften, den zweiten Golfkrieg schnell und klar zu gewinnen. Fraglich ist, ob die irakische Armee wirklich die Waffen streckt, wie das ein von sich und seiner Sache sehr überzeugter George W. Bush am Abend den Soldaten nahegelegt hat - schließlich kämpfen auch die für ein Ideal und könnten Schwierigkeiten haben, dem baldigen Besatzer zu trauen.

Von militärischen Details ist die Reaktion der Börse auf den Golfkrieg aber auch nicht abhängig. Allein der Ölpreis wird sich wohl volatil an das Nachrichtengeschehen halten, und die Aktien einzelner Branchen ziehen mit Erfolgsmeldungen mit. An der Börse fragt man sich eher, welche Folgen der Krieg haben wird. Werden die USA nach einem erfolgreichen Schlag gegen Saddam Hussein doch noch als Erlöser gefeiert? Oder werden sie von der internationalen Staatengemeinschaft abgestraft? Droht statt dem erhofften "amerikanischen Jahrhundert" ein "anti-amerikanisches Jahrhundert"? Und was passiert an der Heimatfront - sicherheitspolitisch und konjunkturell.

Amerika hat eine Reihe von Problemen

Amerika hat eine Reihe von Problemen, die während und nach einem Krieg neu bewertet werden müssen. Bereits wenige Minuten nach Ende der Bush-Rede hob das Ministerium für Innere Sicherheit die Terror-Alarmstufe wieder auf "Orange" an, man rechnet also weiterhin mit Anschlägen vor allem gegen die so genannten "weichen Ziele". Zwar ist ziemlich plausibel, wenn Kritiker der Regierung Panikmache vorwerfen und dass man versuche, durch die Schürung von Ängsten eine breite Zustimmung zum Krieg doch noch zu bekommen. Doch unabhängig von den wahren Ursachen des Washingtoner Farbenspiels hat Amerika Angst - und das belastet die Märkte. Das Verbrauchervertrauen ist so niedrig wie seit dem letzten Golfkrieg nicht mehr.

Technisch leidet der Markt an einem anderen Problem: Die Kanonen-Rallye ist zu früh gestartet, jetzt hat man zu Nachkäufen keine Kraft mehr. Immerhin haben die großen US-Indizes in weniger als vier Handelstagen rund 10 % zugelegt. Die Verschiebung hat einen einfachen Grund: Anleger wollten wieder einmal der Geschichte vorgreifen. Jeder Anleger weiß, es gilt zu "kaufen, wenn die Kanonen donnern" - doch warum warten? Wer vorher kauft, der nimmt mehr von der Rallye mit.

Doch nun ist die Rallye vorbei, und nach der Vorkriegs-Euphorie stellt man sich eine Menge Fragen. Aktien sind jetzt wesentlich teurer als vor einer Woche, Schnäppchen nicht mehr zu machen - jedenfalls keine, deren Risiko nicht die Gewinnaussichten in den Schatten stellen würde.

Vielleicht nimmt sich der Markt am Dienstag aus der anstehenden Entscheidung der Notenbank zur Zinspolitik noch eine Richtung - wahrscheinlich ist das nicht. So dürfte die Wall Street flach durch Dienstag und Mittwoch gehen und weiter auf den Beginn des Krieges warten. Und auf eine neue Anschlussrallye. Und immer wieder auf klare Sicht.

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