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22.06.2000

14:33 Uhr

Brainpool sieht sich für den internationalen Wettbewerb gerüstet

"Endemol bleibt unser Vorbild"

Brainpool will durch eine weitere Übernahme international wachsen. Der Vertrag mit einem französischen Unternehmen stehe kurz vor dem Abschluss, sagt Brainpool-Gründer Jörg Grabosch im Handelsblatt.com-Interview. Der Brainpool-Gründer sieht die Medienaktie gut positioniert und hofft auf neue Verwertungschancen durch Senderfamilien und die Konvergenz der Medien.


Seit dem Ausstieg von Harald Schmidt 1998 hat Brainpool einen Erfolg nach dem anderen gefeiert. Jetzt aber haben Sie mit "Anke - die Serie" erstmals wieder ein Quotenproblem.



Grabosch: Ich denke, auch die Serie mit Anke Engelke kann man als Erfolg werten, denn das ist die erste Fernsehserie, die wir produzieren, und die wir einem deutschen Fernsehsender als Lizenzprodukt verkaufen konnten. Auch die zweite Staffel ist im übrigen mittlerweile verkauft. Da macht es nicht so viel aus, dass wir nicht gleich mit 30 Prozent (Marktanteil) starten. Man muss sich auch mal vor Augen führen, das auch 15 Prozent Marktanteil ein gutes Ergebnis sind. Immerhin sind wir noch drin in der EM der TV-Produzenten - im Gegensatz zur Fussball-Nationalmannschaft.

Brainpool hat angekündigt, zur führenden deutschen TV-Produktionsfirma werden zu wollen. Welche Akquisitionen stehen jetzt an?



Wir haben gerade vor zwei Wochen die Mehrheit an Köln Comedy übernommen, die mit drei Formaten bei RTL vertreten sind und vor allem den Onlinebereich ausbauen wollen. Vorigen Freitag haben wir bekannt gegeben, dass wir uns mit 20 Prozent an einer britischen Produktionsfirma beteiligt haben, die laufende Produktionen in England und in der Schweiz hat.
Die Holding des Unternehmens, Ronin International liegt, der Eigentümerstruktur und fiskalischer Vorteile wegen, in der Schweiz; der operative Schwerpunkt ist London. Das Unternehmen produziert hauptsächlich für Channel 5 und die BBC.

Ist Brainpool für die Internationalisierung überhaupt schon gewappnet?



Ich denke schon. Wir haben eben eine feste Vereinbarung geschlossen, uns noch in diesem Jahr an einer französischen Produktionsgesellschaft zu beteiligen, die für den französischen und den italienischen Markt produziert. Der Prüfungsprozess läuft. Das Projekt wird in den nächsten Wochen unterschriftsreif werden.

Den Namen wollen Sie noch nicht nennen?



Nein, dazu will ich noch nichts sagen.

Und das Volumen?



Es wird eine Mehrheitsübernahme werden. Es handelt sich um einen Anbieter, der insbesondere in der französischsprachigen und in der italienischsprachigen Schweiz präsent ist und im vorigen Jahr dort auch eine 40-teilige Serie laufen hatte. Das Unternehmen ist bedeutend, hat aber Wachstumsperspektiven, was auch der Grund ist, sich einem großen Unternehmen gegenüber zu öffnen für eine Anteilsübertragung.
Wir zielen nicht darauf ab, à la Vivendi 30 Milliarden Dollar in die Hand zu nehmen, um einen Konzern zu kaufen, der sechs Milliarden Verlust macht. Das entspricht nicht unserer Vorstellung von Wirtschaftlichkeit.



Wie stark ist Brainpool vom Comedy-Boom abhängig? Was passiert, wenn hierzulande Schluss ist mit lustig?



Es ist nie Schluss mit lustig. Und das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb wir so viele englische Investoren haben. Die stellen nämlich nie diese Frage. Es gibt mittlerweile 36 frei empfangbare Sender in Deutschland, und deshalb brauchen wir auch mindestens 36 Nachrichtensendungen, 36 Sportsendungen, und da redet auch niemand von einem Boom.
Die Marktanteile für Comedy, und auch für Formate, die nicht von Brainpool kommen, sind überzeugend. "Ritas Welt" mit Gabi Köster erreicht sechs Millionen Zuschauer und das mit einem Produktionsaufwand, der bei Comedy immer etwas niedriger ausfällt als bei anderen Produktionen. Der Boom steht wenn überhaupt noch bevor.

Ist der tägliche Stefan Raab nicht mehr aufzuhalten?



Das liegt ja nicht an uns. Wir haben einen Vertrag bis 2001 für die wöchentliche Ausstrahlung. Wir würden uns aber nicht sehr massiv dagegen wehren, wenn ProSieben eine höhere Ausstrahlungsfrequenz wünschen würde. Da gibt es Gespräche; es liegt an ProSieben, zu unterschreiben.

Sehen Sie es als problematisch an, dass die Sender in Zukunft verstärkt auf Eigenproduktionen setzen wollen?



Nein, überhaupt nicht. Ich hoffe, dass die Sender genau das tun werden, denn das heißt bei denen ja nicht, dass sie die Sachen wirklich selbst produzieren. Ich sehe durch die neuen Fernsehfamilien sogar Möglichkeiten, neue Wertschöpfungsketten aufzuschließen. Es ist immer schwierig, Rechte außerhalb einer Gruppe zweitzuverwerten, wenn das Original noch "on air" ist. Aber es wäre sicherlich kein Problem, ein Format von Sat.1 bei ProSieben unterzubringen oder umgekehrt. Das gibt es ja jetzt schon. Die Wochenshow läuft genauso schon bei Premiere World wie die Harald Schmidt Show.
Wenn Raab und Schmidt ein bisschen älter geworden sind, passen sie auch wieder zu Kabel 1. Und wenn wir an den Wiederholungseinnahmen finanziell beteiligt sind, sehe ich das als Chance und nicht als Risiko.

Kommen wir zum Multimediageschäft. Anders als Endemol machen Sie da alles selbst, betreiben sehr erfolgreich eigene Webseiten etwa zur Wochenshow oder zu TV Total . Was planen Sie in diesem Bereich?



Wir planen einen eigenen Internet-Sender. Die Plattform heißt Comedy World und wird unsere Inhalte vereinen, aber auch Content, der von anderen Sendungen kommen wird. Außerdem wird es originären Content geben, der überhaupt nicht im Fernsehen auftaucht. Zudem bieten wir einen Community-Bereich mit Informationen über Tickets und Veranstaltungen sowie einen Shop für CDs und Bücher und andere Artikel an.
Wir wollen im Internet auch Stars zu Wort kommen lassen, die derzeit bei einem Fernsehsender keinen Platz haben, aber trotzdem was zu sagen haben wie Hella von Sinnen oder Atze Schröder. Gerade für unabhängige Produzenten eröffnet das Thema Internet ganz neue Reichweitenmöglichkeiten. Warten wir mal ab, wie lange Endemol noch mit einem anderen Serviceprovider arbeitet. Der nächste Schritt nach dem phänomenalen Erfolg von "Big Brother" gerade im Netz wird natürlich sein, eine "Endemol Interactive" zu gründen. Das würde ich jedenfalls so machen.
Ein "Maschendrahtzaun" und ein Slatko sind ja von der Verwertungsidee nicht so weit auseinander, was zum Beispiel Tonträger angeht.

Sind Sie im Rückblick froh, dass Harald Schmidt Sie damals sitzengelassen hat und Sie als Erfahrung daraus den noch erfolgreicheren Stefan Raab stärker ins Geschäft eingebunden haben?



Nein, froh bin ich nicht. Ich hätte es spannend gefunden, auch weiter mit Harald zusammenzuarbeiten, aber ich bin auch nicht böse darum. Das Interesse, selbst zu produzieren, kann ich gut nachempfinden.
Wir haben jetzt einen Weg eingeschlagen, der den Künstlern neue Möglichkeiten eröffnet, nicht nur im Fernsehgeschäft. Man braucht eine eigene Plattenfirma, haben wir, man braucht eine eigene Onlinefirma, haben wir, man braucht eine eigene Merchandising-Firma, haben wir, man braucht eine eigene Live-Veranstaltungsgesellschaft, haben wir, und wir wollen mal sehen, was noch alles dazu kommt.

Macht es Ihnen zu schaffen, dass immer mehr Medienunternehmen an der Börse vertreten sind? Wie profilieren Sie sich?



Ich glaube, dass wir selbst eine Zusammenfassung verschiedener Medienwerte sind: Wir sind in gewisser Weise Rechtehändler mit dem großen Unterschied, dass wir unsere Rechte selber produzieren und nicht zu überteuerten Preisen in Amerika einkaufen müssen mit dem sogenannten "Stupid German Money". Wir schaffen unsere Marken selbst, wir verwerten sie, aber eben nicht nur im TV.
Wir sind im Merchandising aktiv und in diesem Feld vergleichbar mit EM.TV oder Sunburst; wir sind mit dem Live-Geschäft aktiv und da eher mit einer Deutsche Entertainment vergleichbar; wir sind mit Produktionen beschäftigt und da mit Odeon vergleichbar; wir sind mit Platten im Geschäft und da mit Edel vergleichbar. Ich denke, dass wir eine Summe aus all dem Entertainment- und Media-Aktivitäten am Markt darstellen und ich glaube, dass das das intelligentere Konzept ist.
Außerdem sehe ich, dass Endemol inzwischen ein sehr ähnliches Geschäftsmodell hat und damit Erfolg hat, und Endemol bleibt unser Vorbild. Die haben vor 15 Jahren angefangen, als das Privatfernsehen neue Türen geöffnet hat. Ich glaube, dass sich nun durch die sogenannte Konvergenz der Medien noch einmal so eine Chance auftut, und hoffe, dass wir in weniger als 15 Jahren da sind, wo Endemol jetzt ist.

Mit Jörg Grabosch sprach Jann Ohlendorf

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