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10.01.2003

07:00 Uhr

Branchen unter der Lupe: Pharma

Pillensektor bietet derzeit Einstiegschancen

VonSiegfried Hofmann

Selbst die Pharmaaktien waren im vergangenen Jahr kein Gegenmittel gegen die allgemeine Börsenflaute. Doch gemessen an seinen Wachstumsraten erscheint der Sektor inzwischen günstig bewertet.

FRANKFURT/M. Ungewohnt schmerzhafte Erfahrungen mussten Pharmainvestoren im vergangenen Jahr machen. Mit Kursverlusten von durchschnittlich gut einem Fünftel boten die einst so krisenfesten Werte der Arzneimittelbranche so gut wie keine Immunität vor der Börsenflaute. Und von wenigen Ausnahmen wie Roche, Novartis, Schering oder Amgen abgesehen zeigte der Sektor nicht einmal einen relativen Performancevorteil gegenüber dem Gesamtmarkt. Auslöser für die Neubewertung war eine ganze Serie negativer Nachrichten, darunter handfeste Gewinnwarnungen, zahlreiche Flops in der Forschung, Bilanzskandale und wachsender Druck von Seiten der Gesundheitspolitik.

Mit ähnlichen Herausforderungen werden sich die großen Pharmahersteller auch im laufenden Jahr herumschlagen müssen. So dürfte vor allem in Europa das Marktwachstum durch gesundheitspolitische Maßnahmen weiter gebremst werden. Dennoch sind Pharmaaktien insgesamt in einer besseren Ausgangsposition als im Vorjahr. Vor allem die folgenden Gründe sprechen derzeit für die Branche:

Erstens: Weltweit bleibt das Pharmageschäft trotz aller Probleme ein Wachstumsmarkt, der jährlich um etwa 8 % expandiert. Selbst pessimistische Prognosen unterstellen für die kommenden Jahre nur einen Rückgang der Wachstumsraten auf 5 - 6 %. Zudem verfügt die Branche weiterhin über Ertragsreserven, die durch Kostensenkungen oder den Verkauf von Randaktivitäten realisiert werden können. Trotz schwächerer Dynamik beim Umsatz bleibt daher aus Sicht vieler Analysten Spielraum für zweistelliges Gewinnwachstum. Die Experten von Credit Suisse First Boston etwa gehen davon aus, dass der Sektor 2003 seine Gewinn um 12 % steigern kann.

Zweitens: Die Flaute bei neuen Produkten ist zwar keineswegs überwunden. Sie hat sich aber zumindest etwas entspannt, nachdem die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) in den vergangenen Wochen eine ganze Reihe neuer Zulassungen erteilt hat - so zuletzt beispielsweise für das Rheumamittel Humira des Produzenten Abbott. Viele Branchenexperten rechnen für 2003 mit etwas besseren Nachrichten aus der Produktentwicklung, nachdem sich die Unternehmen auf die strengeren Anforderungen der FDA eingestellt haben und der Chefposten bei der US-Behörde wieder besetzt ist.

Drittens: Die meisten großen Pharmakonzerne sind nach wie vor exzellent finanziert und verbuchen üppige Cash-flows. Sie sind damit in der Lage, sich weiteres Wachstum zu kaufen, etwa durch den Erwerb von Produktlizenzen, Vertriebsrechten oder auch durch Übernahmen.

Viertens: Nach den Kursverlusten des vergangenen Jahres erscheint die Branche nur noch moderat bewertet. Gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis sind zum Beispiel die europäischen Pharmawerte nach Berechnung von WestLB Panmure im Durchschnitt nur noch um 20 % höher bewertet als der Gesamtmarkt. Angesichts der weiter überdurchschnittlichen Wachstumsraten hält WestLB-Experte Andreas Theisen aber eine Prämie von 35 - 40 % für gerechtfertigt. "Insgesamt sollte der Sektor daher von den relativ schwächeren Wachstumsperspektiven anderer Wirtschaftszweige profitieren."

Legt man die Relationen zwischen den von Analysten erwarteten Wachstumsraten und den KGVs zugrunde, werden derzeit die Unternehmen Pfizer, Aventis, Sanofi, Schering und Altana besonders niedrig bewertet. Diese Unternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass sie zumindest in näherer Zukunft nur relativ wenige wichtige Patente verlieren werden.

Andererseits können sich selbst solche Konzerne nicht der Frage nach den längerfristigen Perspektiven entziehen. Mit Blick auf die relativ geringe Zahl an Neuzulassungen ist die Skepsis in dieser Hinsicht im vergangenen Jahr deutlich gewachsen. "Die Branche muss sich alle 12 Jahre neu erfinden. Dazu reicht die derzeitige Innovationsrate nicht aus", argumentiert zum Beispiel Susan Haylock von der Deutschen Bank.

Die Forschungsschwäche der Branche wird sich aus dieser Sicht erst in den Jahren nach 2005 wirklich niederschlagen, wenn der Ersatz fehlt für sehr umsatzstarke Produkte, die dann ihren Patentschutz verlieren. Die aktuelle Gewinne und Bewertungen geben insofern nur begrenzte Sicherheit. Über die Langfristperspektiven wird letztlich in den Labors entschieden.

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