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23.01.2003

11:17 Uhr

Branchenbericht

Biotechnologie: Nur die Starken überleben

VonKay Rathschlag © Wall Street Correspondents Inc.

Das Telefon von James Mullen klingelt schon wieder. Der CEO von Biogen hebt ab und hört am anderen Ende der Leitung eine Stimme: "Please buy us!" - Bitte kauft unsere Firma. So oder ähnlich geht das schon seit Monaten, und Mullens Antwort ist immer die gleiche: "Sorry, kein Interesse!"

Immer mehr kleine Biotechnologie-Unternehmen stehen mit dem Rücken zur Wand, ihnen geht das Geld aus. Weil sie keine neuen Investoren finden, sehen sie die einzige Hoffnung in der Übernahme durch einen größeren Konkurrenten. Doch die sind an weiteren Akquisition nicht interessiert, Biogen nicht und Amgen nicht und Genentech nicht. Obwohl die Kassen gut gefüllt sind, planen diese größten Biotech-Unternehmen der Welt in 2003 keine Käufe, zumindest solange sich keine außergewöhnlich gute Gelegenheit auftut.

Marina Bozilenko, Investmentbankerin mit Schwerpunkt Biotech bei der Banc of America Securities, erklärt diese Entwicklung: "Unter den kleinen Biotech-Unternehmen befinden sich vielleicht noch ein oder zwei Juwele, die Investoren vergessen haben. Eine große Gelegenheit für Fusionen und Übernahmen sehe ich allerdings nicht."

Nur eine Handvoll Unternehmen verdient genug Geld

In der Biotechnologiebranche dürfte die Luft für einige Unternehmen dünner werden. Branchenkenner rechnen damit, dass ein Großteil der 342 börsennotierten Biotechnologieunternehmen in den USA vom Markt verschwinden wird. Nur eine Handvoll Unternehmen verdient genug Geld, um sich auf lange Sicht die teure Medikamenten-Forschung leisten zu können. Es dauert im Durchschnitt neun Jahre, bis aus einer im Labor als wirksam erkannten Substanz ein verkaufsfähiges Mittel entsteht. Dazu kommen die üblichen Risiken und Rückschläge in der Medikamentenentwicklung. Geld bringt ein Medikament erst, wenn es die Zulassung der Gesundheitsbehörde, in den USA also der FDA, erreicht hat. Vorher sind allerdings umfangreiche klinische Tests notwendig. Sollten unerwartete Nebenwirkungen bei den Patienten auftreten und das Medikament somit keine Zulassung erhalten, sind schnell dreistellige Millionenbeträge verloren.

Am schlimmsten sind also solche Unternehmen gefährdet, deren Geschäftsmodell nur auf der Entwicklung von Medikamenten basiert und die noch keine marktreifen Medikamente in der Pipeline haben. Die Entwicklung der Arzneimittel wird für diese Biotechs sowie ihre Investoren zum Pokerspiel mit hohem Einsatz. Immer weniger Risikokapitalgeber setzen sich diesem Wagnis aus. Die Insolvenzen für einige Unternehmen sind vorprogrammiert.

Der Informationsdienst Biocentury nennt bereits 61 Firmen, denen womöglich in 2003 die Pleite droht. Damit würde sich ein Schrumpfungsprozess fortsetzen, der nach den Boomjahren 1999 und 2000 eingesetzt hat - und der manches Unternehmen ausradierte. Rund 60 % der Biotech-Unternehmen, die vor zehn Jahren noch existierten, sind heute nicht mehr. Gescheitert sich sie an dem Problem der Anschlussfinanzierung nach dem Börsengang: Auf dem Parkett ist für die Firmen nichts mehr zu holen, und Risikokapitalgeber halten sich zurück. Letzteres liegt auch daran, dass der IPO-Markt so gut wie tot ist und Venture-Capital-Gesellschaften fürchten, dass ihre Unternehmen den Sprung an die Öffentlichkeit nicht schaffen. Sie blieben dann auf totem Kapital sitzen. Nach Angaben von VC-Spezialisten hat das durchschnittliche private Biotech-Unternehmen noch Cash für 10 Monate.

Branchenindex hat vergangenes Jahr 45 Prozent verloren

Dabei hatte es einmal so ausgesehen, als würde die Biotech-Branche den Zusammenbruch der New Economy besser verkraften als die Start-Ups. Doch das Vertrauen der Investoren und Risikokapitalgeber in den Sektor ist heute genauso erschüttert wie im Internetbereich. Der Branchenindex an der Nasdaq hat im Jahre 2002 45 % verloren, er ist auf das Level von 1999 zurückgefallen. Skandale, verfehlte Prognosen, Rückschläge in der klinischen Forschung, nicht tragfähige oder weniger überzeugende Geschäftsmodelle und der Sparzwang im Pharmasektor haben die Lieblingsbranche der Anleger aus den Jahren 1999 und 2000 zum Sorgenkind werden lassen. Dennis J. Purcell, Manager des Perseus BioPharmaceutical Fund, -Soros bezeichnet 2002 sogar als eines der schwierigsten Jahre, dass die Branche je gesehen hat.

Während der Sturm an den großen Konzernveteranen wie Amgen, Genentech und Biogen jedoch weitgehend vorbei zog, zittern viele kleine Unternehmen schlicht um ihre Existenz. Viele Aktien handeln zur Zeit unter 5 $, zum Teil notieren sie damit unter dem Cash-Wert, so Purcell.

Das sei umso bitterer als der Markt nur auf Gewinne schaue und nicht mehr auf die Zukunftsaussichten eines Unternehmens, meint Michael Goldberg, CEO von Emisphere Technologies. Sein Unternehmen arbeite daher unter der Annahme, dass es keine weitere Finanzierung erhalte. Emisphere Technologies hat daher im letzten Jahr 42 % seiner Angestellten entlassen müssen.

So steckt die Biotechnologiebranche in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Optimisten gibt es dabei wohl. Sie sagen, es sei keine Frage, dass die Dunkelheit über dem Sektor nicht für alle Zeit andauern werde. Der Innovationsmotor werde wieder ins Laufen kommen und erste zukunftsweisende Medikamente werden die Branche zurück ins Blickfeld der Anleger bringen.

Ein einigermaßen sicherer Weg aus der Dunkelheit dürfte zumindest für Anleger die Positionierung auf die Big Player sein. So konnte Amgen, der weltgrößte Biotechnologiekonzern seit dem 52-Wochen-Tief Mitte letzten Jahres mehr als 60 % zulegen. Ähnlich gut sieht die Performance bei der Nummer Zwei der Branche, Genentech, aus. Seit dem Tief im Juli 2002 konnte die Aktie 55 % zulegen. Biogen hat sich von einer Flaute bei 29 $ erholt und notierte zwischenzeitlich bei 42,70 $.

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