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10.01.2003

08:01 Uhr

Branchenbericht: Las Vegas

Von Glitter zu Klasse: Las Vegas wartet auf die Spieler

VonLars Halter (Wall Street Correspondents)

"Sin City" überschreibt der US-Börsensender SNBC eine Serie über Las Vegas, "Stadt der Sünde". Ganz so schlimm ist es freilich nicht, im Gegenteil: Die Spielerstadt in der Wüste Nevadas versucht alles, um von dem alten Image aus Glitzer, Glitter und Schmuddel weg zu kommen. Klasse ist gefragt in Las Vegas. Das neue Konzept kommt an, doch sind die Besucherzahlen aus anderen Gründen rückläufig.

NEW YORK. Wer durch die Marmorlobby des Bellagio läuft, fühlt sich in eine andere Welt versetzt. Und es ist nicht die Welt, die der Las Vegas-Besucher vor zehn Jahren vorgesetzt bekam. Hier funkeln keine Neonlichter, rasseln und klingeln nicht tausend Einarmige Banditen, hier stehen nicht die Mexikaner mit den Sexheftchen und den Coupons für den Sex-Club weiter unten ab Strip.

Wer durch die Marmorlobby des Bellagio läuft, der ist in Rom, in Florenz, in Venedig. In der Zeit der Dogen. Teures Murano-Glas ziert die Decken, helle Fliesen und teure Teppiche führen zur hoteleigenen Galerie, in der zur Zeit die Kunstausstellung des Kreml zu sehen ist mit den weltberühmten Faberge-Eiern. Ein Zimmer im Bellagio kostet ab 400 $, und für das abendliche Entertainment sorgen nicht Zauberer und die hysterischen Imitatoren á la Elvis und Marilyn Monroe - im Bellagio gastiert der Cirque de Soleil mit seinem atemberaubenden Wasserspektakel "O".

Die einmalige Mischung der Kanadier aus Artistik und Ballett, Figurentheater und eben Zirkus kommt an: Im Treasure Island wird das Programm Mystere gegeben, und im New York, New York macht im Sommer die dritte fest installierte Show auf, bis heute künden nur sinnlich geheimnisvolle Plakate davon, dass Cirque de Soleil erneut die Grenzen des theatralisch Vorstellbaren sprengen will. Bellagio, Treasure Island und New York, New York sind drei Hotels der MGM-Gruppe, die in Las Vegas noch das MGM Grand unterhält und das Mirage, in dem seit Jahrzehnten die deutschamerikanischen Magier Siegfried & Roy ihr Publikum verzaubern - wenn es kommt.

Mitte dieser Woche hörte man an der Wall Street Düsteres von MGM Grand: Das Unternehmen sprach eine Gewinnwarnung für das laufende Quartal aus, wenige Stunden nachdem der große Konkurrent Mandalay Resorts die Prognosen gesenkt hatte. Der betreibt neben dem Mandalay Bay das Luxor und das Excalibur und war am Neujahreswochenende ebenso wenig ausgebucht wie die übrigen Hotels der Stadt. Nur 90 % der Betten waren zum Jahresauftakt belegt, und was andernorts eine gute Nachricht wäre, ist für die Spielerstadt eine mittlere Katastrophe. Denn wenn schon die Top-Wochenenden um Neujahr, Thanksgiving und den Nationalfeiertag am 4. Juli nicht ausgebucht sind, worauf muss man sich dann an "normalen" Tagen gefasst machen?

Der Besucherschwund trifft Las Vegas unvorbereitet - und ganz fair ist er auch nicht. Denn die Stadt hat investiert wie kaum eine andere, sie hat ihr Image poliert, die Infrastruktur verbessert, den Einwohnern ein so attraktives Umfeld geboten, dass Senioren Las Vegas zur schnellst wachsenden Stadt der USA machen. Worauf die Stadt nicht gefasst war, war zum einen der 11. September, der vielen Touristen - Amerikanern und Fremden - die Lust am Reisen nahm, und die schwache Konjunktur, die sich vor allem an den Spieltischen bemerkbar macht.

"Die High-Roller bleiben aus", bemerkt Rod Smith von der Las Vegas Review den Rückzug der ganz großen Spieler. "Und an allen Tischen, ob großer oder kleiner Einsatz, wird nur noch um die Hälfte dessen gespielt was man früher gesehen hat."

Die Aktien der Kasinobetreiber haben zur Wochenmitte drastisch verloren, Gegenreaktionen gab es kaum, zumal sich auch die Analysten bedeckt halten. Die meisten Vegas-Papiere stehen an der Wall Street auf "Halten", und Experten sehen auch in den jüngsten Kursstürzen keinen Kaufgrund.

Ausnahmen gibt es: Bei der UBS Warburg steht MGM Grand auf "Kaufen" - allerdings nicht, weil die Analysten auf eine plötzliche Trendwende hoffen. Im Gegenteil. "In den nächsten beiden Quartalen werden sich die Zahlen für MGM Grand wohl nicht verbessern", meint Robin Farley, der genau deshalb aber die Hoffnung hegt, dass sich das Unternehmen noch einmal in Sachen Merger umschauen wird. "Ein Deal mit Harrah?s wäre für MGM Grand interessant", glaubt der Analyst. Außer einer gesunden Konsolidierung des Marktes könnte das Unternehmen eine breitere Kundenbasis gewinnen: Harrah?s bedient weniger das Luxussegment als vielmehr die breite Masse der Zocker.

Die Zimmer bei Harrah?s kosten ab 80 $ und rund um das Hotel glitzern noch ein paar Neonlichter. Einen Gang zurückschrauben, lautet sinngemäß die Empfehlung der UBS Warburg, die in der Ausrichtung auf das Niedrigpreissegment - Masse statt Klasse - die Kaufempfehlung für MGM Grand ausspricht.

Doch ob High-Roller, Zocker oder Student mit begrenztem Kasino-Budget, einen Faktor können die Unternehmen nicht ganz kontrollieren. Ihre Bilanzen hängen wie die Laune des Spielers an Glück im Spiel. Das hatten die Kasinos zuletzt auch nicht. Denn die wenigen Besucher die man hatte, so klagte am Mittwoch das Management von Mandalay Resorts, die haben auch noch mehr gewonnen als sonst. Mancher Anleger könnte nun versuchen, in die Glückssträhne einzusteigen. Raus aus Kasino-Aktien, ran an den Roulette-Tisch - das Verlustrisiko ist dort nicht viel höher.

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