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03.07.2000

21:22 Uhr

Brasilien ist der Favorit der Analysten

Hohe Renditen von Patagonien bis an den Rio Grande

VonJOHANNES BECK

Die Renditen lateinamerikanischer Anleihen sind teilweise doppelt so hoch wie bei europäischen und US-Wertpapieren. Brasilien steht als Kaufempfehlung ganz oben. Auch Anleihen aus Venezuela sehen Analysten als gute Investition. Gespaltene Ansichten gibt es hingegen zu Mexiko und Argentinien.

NEW YORK. August 1982: Mexiko kann seine Auslandsschulden nicht mehr bezahlen und muss ein Zahlungsmoratorium erklären. Was zunächst wie ein kurzfristiges Problem eines einzelnen Landes aussieht, weitet sich schnell zu einer internationalen Finanzkrise aus. Fast alle anderen lateinamerikanischen Länder müssen sich für zahlungsunfähig erklären. Die Folgen sind noch lange danach zu spüren: Erst in den 90er Jahren erlangt Lateinamerika wieder vollen Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten. Und noch heute bezahlen die lateinamerikanischen Staaten hohe Risikozuschläge.

Brasilien ist der Favorit der Analysten

Die hoch verzinsten Wertpapiere bieten deutschen Investoren aber auch Chancen - gerade in einer Zeit der niedrig verzinster Bundesschatzbriefe. Die Renditen der Latino-Anleihen sind teilweise doppelt hoch so wie bei europäischen und US-Wertpapieren gleicher Laufzeit. So erzielen argentinische Euro-Anleihen mit einer Restlaufzeit von elf Jahren Renditen von etwa elf Prozent. Das sind etwa 550 Basispunkte oder 5,5 Prozentpunkte mehr als vergleichbare Bundesanleihen.

Favorit der Analysten ist derzeit Brasilien, mit 164 Millionen Einwohnern und einem Bruttoinlandsprodukt von über 700 Mrd. $ die bedeutendste lateinamerikanische Wirtschaftsmacht. Die Empfehlungen überraschen, denn noch Anfang 1999 war Brasilien in eine Wirtschaftskrise geschlittert. Ein hohes Leistungsbilanzdefizit hatte die Regierung gezwungen, die Landeswährung Real deutlich abzuwerten und den Kurs freizugeben. Die erwartete Rezession blieb 1999 aber aus. Für dieses Jahr rechnen die Analysten sogar mit einem Wirtschaftswachstum von gut drei Prozent. "Wir waren alle überrascht, wie schnell Brasilien die Krise überwunden hat", sagt Heinz Mewes, Chefvolkswirt der Dresdner Bank Lateinamerika AG in Hamburg. In Brasilien zu investieren, hält er für nicht mehr so risikoreich wie noch vor einem Jahr: "Das Land hat sein Haushaltsdefizit deutlich reduziert und lang überfällige Reformen angepackt. Dazu strömen ausländische Direktinvestitionen verstärkt nach Brasilien."

Auch die Inflationsgefahr ist gesunken. Das erlaubte es der brasilianischen Zentralbank, den Leitzins Selic Mitte Juni um einen Prozentpunkt auf 17,5 % zu senken - der tiefste Stand seit über vier Jahren. Tulio Vera, Analyst beim Investmenthaus Merrill Lynch in New York, erwartet dadurch zusätzliche Impulse für die Wirtschaft des südamerikanischen Landes: "Wir empfehlen, Brasilien im Portfolio überzugewichten." Auch bei anderen Investmenthäusern wie Credit Suisse First Boston oder der Deutschen Bank steht Brasilien auf dem Einkaufszettel für Lateinamerika-Anleihen ganz oben. Peter Petas, bei der Deutschen Bank in New York für Anleihen aus Schwellenländern verantwortlich, rechnet mit einer besseren Einschätzung Brasiliens durch die Kreditbewertungsagentur Standard & Poor's: "Wir wären nicht überrascht, wenn Brasilien bis auf das Niveau von Argentinien aufgewertet werden würde." Im Moment wird die langfristige Kreditwürdigkeit Brasiliens bei Standard & Poor's noch mit B+ eingeschätzt und liegt damit eine Stufe unter Argentinien mit BB. Die Anleihen beider Länder werden als spekulative Anlagen eingeschätzt.

Trotz der besseren Bewertung Argentiniens gibt es skeptische Stimmen zu argentinischen Anleihen: "Unter den großen lateinamerikanischen Ländern sind wir von Argentinien besonders wenig begeistert", meint Credit Suisse-Analyst Joseph Petry. Nach den von der argentinischen Regierung angekündigten Haushaltskürzungen rechnet er mit Streiks und politischen Unruhen. Dem schließt sich Deutsche Bank-Analyst Gustavo Cañonero aus Buenos Aires an: "Die argentinische Regierung muss mit einem zunehmenden politischen Widerstand, einem hohen Haushaltsdefizit und einer schwachen Industrieproduktion im Mai fertig werden."

Gespaltener Meinung sind die Analysten zu Mexiko, dem dritten großen lateinamerikanischen Land. Mewes von der Dresdner Bank hält die mexikanischen Regierungsanleihen für sehr interessant: "Das Land hat sich deutlich vom Rest Lateinamerikas abgekoppelt und ist so von der Krise der beiden vergangenen Jahre weitgehend verschont geblieben." Merrill Lynch-Analyst Felipe Illanes sieht die mexikanischen Anleihen unterbewertet. Wegen der erwarteten politischen Wirren im Zuge der Präsidentschafts-Wahlen am 2. Juli seien die Anleihen am Markt zu sehr bestraft worden. Mittelfristig hält er die wirtschaftlichen Aussichten Mexikos für sehr gut. Illanes empfiehlt vor allem mexikanische Brady-Bonds zum Kauf. Vorsichtiger ist dagegen Analyst Petry von Credit Suisse. Er rät generell bei Lateinamerika zur Vorsicht. Die politischen Risiken in der Region seien sehr hoch. Neben Brasilien empfiehlt er als einzigen weiteren lateinamerikanischen Staat die Anleihen Venezuelas zum Kauf. Der Grund: Die hohen Ölpreise, von denen Venezuela als Lateinamerikas größter Öl-Exporteur besonders profitiert.

Dem schließt sich Merrill Lynch-Analyst Vera an: "Durch die hohen Ölpreise ist das Risiko, dass Venezuela seine Schulden nicht zurückzahlt, stark gesunken." Wegen der ausgabenfreudigen Haushaltspolitik von Präsident Hugo Chávez hält Vera die venezuelanischen Anleihen aber auf lange Sicht für risikoreich. Die ausgabenfreudige Politik von Präsident Hugo Chávez hat dazu geführt, dass Venezuela für seine Anleihen hohe Zinsen zahlen muss. Nach Ecuador sind sie die höchsten in Lateinamerika. Im Gegensatz zu Venezuela hat Ecuador aber im September 1999 seinen Schuldendienst teilweise eingestellt. Daher raten alle Analysten von ecuadorianischen Anleihen ab. Von der Kreditbewertungsagentur Moody's erhielten die Auslandsanleihen des Andenlandes die Bewertung Caa2 - eine der schlechtesten Noten.

Hohes Risiko bei Anleihen in Landeswährung

Nicht zum Kauf empfehlen die Analysten die Wertpapiere aus Kolumbien, Peru und Chile. In Kolumbien sieht der Deutsche Bank-Analyst Petas wichtige Reformvorhaben durch Korruptionsvorwürfe gegen den Präsidenten Andrés Pastrana blockiert. Die peruanischen Anleihen hält Merrill Lynch-Analyst Vera für überbewertet, seit sie Anfang Juni nach den Präsidentenwahlen stark gestiegen waren. In Chile erwartet Vera, dass die Regierung ihr Inflationsziel durch die gestiegenen Ölpreise nicht erreichen kann. Chile ist dennoch das einzige lateinamerikanische Land, dessen Anleihen Standard & Poor's und Moody's nicht als spekulativ einschätzen.

Praktisch alle der größeren lateinamerikanischen Länder bieten ihre Anleihen in Landeswährung, in US-Dollar und in Euro an. Wegen des hohen Währungsrisikos raten die Analysten einhellig von Anleihen in Landeswährung ab. Stattdessen empfiehlt Mewes die Euro-Anleihen. Das meint auch Deutsche Bank-Analyst Petas: "Investitionen in Schwellenländer sind schon risikoreich genug. Es gibt keinen Grund dabei auch noch ein Währungsrisiko einzugehen." Felipe Illanes rät dagegen, die Anleihen in US-Dollar nicht ganz außer Acht zu lassen. Sie seien liquider als die Euro-Anleihen und daher leichter ohne größere Kursverluste zu verkaufen: "Zurzeit ist das besonders wichtig, da in die Märkte viel Unsicherheit durch die schwankenden Ölpreise und die Zinserhöhungen der US-Zentralbank gekommen ist."

Generell sollten konservative Anleger bei lateinamerikanischen Anleihen Vorsicht walten lassen. "Der Kurs dieser Wertpapiere schwankt teilweise so stark wie bei Aktien", sagt Petas. "Es sollte nicht vergessen werden, dass fast alle dieser Länder in den 80er Jahren ihren Schuldendienst einstellen mussten."

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