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30.01.2003

07:48 Uhr

Britische Britannic verliert zeitweise 30 % ihres Börsenwertes – Ratingagentur S&P stuft drei Institute herab

Versicherer stecken in tiefer Krise

Die Aktie der britischen Lebensversicherer Britannic kam gestern erneut unter starken Druck, nachdem anhaltende Kursverluste an den Börsen die Angst vor einer Insolvenz geschürt hatten. Experten warnen vor Panikreaktionen, dennoch belastet die Krise am Aktienmarkt die britischen Versicherung massiv.

fs LONDON. Die britischen Lebensversicherer kommen nicht zur Ruhe. Gestern verlor die Aktie von Britannic Life zeitweise fast 30 % ihres Wertes, weil der Markt die Solvenz der Gesellschaft in Frage stellte. Erst Anfang des Jahres hatte das Assekuranzunternehmen nach einer Gewinnwarnung rund die Hälfte seines Börsenwertes eingebüßt. Zur schlechten Stimmung führte gestern auch die Herabstufung mehrerer Institute durch die Rating-Agentur Standard & Poor?s (S & P).

Britische Lebensversicherungen haben seit Beginn des Jahres im Schnitt mehr als 15 % ihres Wertes verloren. Die Branche leidet unter dem rasanten Verfall des britischen Aktienindex FTSE-100. Seit drei Jahren weist er eine negative Bilanz auf, seit Anfang des Jahres hat der Footsie erneut mehr als 10 % seines Wertes verloren. Britischen Lebensversicherer legen bis zu 70 % ihres Vermögens in Aktien an, bei deutschen sind es meist noch nicht einmal 20 %. Fallen die Kurse nachhaltig, könnten die Briten möglicherweise ihre Auszahlungs-Verpflichtungen nicht mehr einhalten oder müssen Aktien zwangsweise verkaufen.

Zwar hat Britannic nach eigenen Angaben nur einen Aktienanteil von 42 % in ihrem Portfolio. Dennoch steht die Firma am stärksten unter Druck. Die Kapitalbasis ist gering, und das Geschäft entwickelt sich nicht wie erwartet. Erst kürzlich gab die Gesellschaft eine Gewinnwarnung heraus. Dazu kommt die massiven Verluste des Footsie: Der britische Blue Chip-Index lag nach einem zweiwöchigen Abwärtstrend gestern zeitweise unter 3400 Punkten - nicht einmal 3 % von den 3300 Zählern entfernt, die der Britannic-Vorstand selbst als gefährlich für die Solvenz erachtet. Sorgen bereiten aber auch andere Versicherer. Der kürzliche Kommentar der britischen Finanzaufsicht, dass ihr bislang keine Insolvenz-Sorgen in der Branche bekannt seien, sorgte nur für kurze Erleichterung.

Die Rating-Agenturen reagieren jetzt auf die Börsenschwäche. Vor zwei Tagen sorgte sich Fitch, dass die Versicherer dauerhaft unter die Solvenz-Grenze fallen. Gestern reagierte S&P: Mit Standard Life (auf "AA"), Prudential (auf "AA+") und Scottish Provident (auf "A-") stufte die Agentur gleich drei Versicher herunter - wegen erhöhter finanzieller Risiken. Die Bestnote ist "AAA". Bei Legal und General und Clerical & Medical setzte der Bewerter zudem den Ausblick auf "negativ". Britannic gehört mit einem Rating von "B" und negativem Ausblick zu den am schlechtesten bewerteten britischen Lebensversicherungen. Anleihen werden als sehr spekulative Anlage eingestuft.

Paul Waterhouse von S&P bezeichnete trotz der akuten Probleme einiger Institute die negative Stimmung gegenüber Versicherungen als "übertrieben". Das Rating der Großen der Branche sei "noch immer hervorragend", sagte er. Manche Institute bekämen selbst bei einem Niveau des FTSE bei rund 1 000 Punkten keine Schwierigkeiten, zumal die Flexibilität der Institute im Vergleich zu deutschen Adressen wesentlich höher sei. Dank des britischen Rechts sinkt bei einem geschrumpften Aktienportfolio auch das Niveau der künftigen Auszahlungen, zudem können Versicherer das Niveau ihrer Boni-Auszahlungen an Kunden flexibler anpassen. "Wir glauben nicht, dass wir in nächster Zeit Insolvenzen bei den Versicherern sehen", sagt deshalb Waterhouse. Allerdings sagt auch er, dass es bei einem dauerhaften Niveau des Footsie unter 3 000 Punkten weitere Herabstufungen geben werde.

Dass die Versicherer schon jetzt massiv aus dem Markt gehen und damit für die Verluste des Footsie verantwortlich sind, glauben Experten nicht. Sie verweisen vielmehr auf allgemeine Kriegsangst und spezielle britischen Risiken (Hauspreis- und Konsumnachfrage-Schock). Allerdings warnen Analysten vor einer verheerenden Abwärtsspirale: Sollten die Institutionellen zum Aktien-Verkauf gezwungen sein, geraten die Kurse noch weiter unter Druck. Die Lebensversicherer halten nach Angaben ihres Lobbyverbands fast ein Fünftel der britischen Aktien. Einige der schwächeren Versicherer haben ihre Bestände bereits reduziert, sagt Versicherungs-Analyst Roger Hill von UBS Warburg. Die meisten Großen bleiben aber auf bisherigen Niveaus. Auch Britannic konnte am Abend einen Teil ihrer Kursverluste wieder aufholen.

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