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24.02.2003

08:19 Uhr

Britisches Massenblatt ist bekannt für spektakuläre Aktionen

Der Krieg der Worte kennt keine Grenzen

VonAndreas Hoffbauer (Handelsblatt)

Witziger und spritziger will die britische "Sun" werden. Das Blatt teilt kräftig aus - sogar im fernen Paris gegen den Präsidenten. Nun droht zwar eine Strafe, aber der Rummel bringt am umkämpften heimischen Markt neue Leser.

LONDON. Die Welt der britischen Boulevardzeitung "Sun" ist einfach gestrickt. Da sind die Deutschen die Krauts, die Franzosen die Frösche und Saddam Hussein ist der Bösewicht schlechthin. Nun hat sich das größte britische Massenblatt auch auf den französischen Präsidenten Jacques Chirac eingeschossen. 2 000 Sonderausgaben der "Sun" wurden in Paris kostenlos verteilt. Auf der Titelseite wird Chirac als "Wurm" gezeigt und den Franzosen erklärt, dass der Politiker wegen seiner Haltung gegen den Irak-Krieg eine "Schande für Europa" sei. Und die Zeitung legt noch nach, als der französische Premier dem Präsidenten von Zimbabwe, Robert Mugabe, die Hand in Paris schüttelt: "Der Wurm trifft das Monster". Rumms!

Mit solchen Schlagzeilen bringt die Londoner Zeitung (Auflage 3,6 Mill.) aus dem Hause von Rupert Murdoch jeden Morgen rund elf Millionen Briten ihre Sicht von Gut und Böse ins Haus - täglich garniert mit einem nackten Mädchen auf Seite Drei. Dabei setzt die "Sun" schon immer zu aktuellen Anlässen gern auf spektakuläre Aktionen, um außerhalb der Insel für Wirbel zu sorgen. 2001 wurde vor dem Fußball- Länderspiel gegen Deutschland in München eine Blaskapelle angeheuert, um die Nachtruhe der deutschen Kicker zu stören. Deutschland verlor sensationell, die Sun triumphierte: "Humpa, Humpa!"

Diese Art von Balla-Balla-Journalismus kommt bei der Masse der Briten durchaus an; denn das Murdoch-Blatt ist seit Jahren unangefochtener Marktführer. Allerdings ist der britische Zeitungsmarkt mit einem viel größeren Boulevard-Anteil und deutlich mehr bunten Tabloid-Titeln als in Deutschland auch hart umkämpft. Vor allem, weil sämtliche Zeitungen auf der Insel überwiegend am Kiosk verkauft werden, hat sich eine stärker auf Schlagzeilen ausgerichtete Medienkultur entwickelt. Die deutsche Bild-Zeitung kommt im Vergleich zur "Sun" wie ein Gelehrtenblatt daher. Denn nur wer den "Krieg der Worte" gewinnt, legt in England auch am Zeitungsmarkt zu. Die "Sun" hat bislang diese Schlacht klar für sich entschieden. Während die Auflage leicht zulegt, kämpft der Erzrivale "Mirror" (Auflage: 2,1 Mill.) mit einem anhaltenden Verkaufsrückgang. Dennoch hat die Konkurrenz im vergangenen Jahr die "Sun" vor allem mit einem massiven Preiskrieg attackiert. Dieser hat das Murdoch-Blatt in sechs Monaten 40 Mill. £ (60 Mill. Euro) gekostet.

Dagegen sind die 32 000 £, die der "Sun" nun als Strafe in Frankreich wegen der Wurm-Schlagzeile drohen eher ein Klacks. Die Kosten wird die neue Chefredakteurin Rebekah Wade kühl lächelnd zahlen, sollte es dazu kommen. Ihr ist es das Geld wert: Schließlich hat sie ihre Zeitung international in die Schlagzeilen gebracht.

Die Frau ist bekannt für aggressive Kampagnen. Als Chefin des Wochenblatts "News of the World" (ebenfalls ein Murdoch-Blatt) hat sie wegen der Hatz auf Pädophile in Großbritannien viel Wirbel ausgelöst. Ihre Kampagne blieb heftig umstritten, brachte aber Leser. Diesen Kurs setzt Wade nun bei der "Sun" fort.

Doch Wade und Murdoch wissen, wie schnell sich der Markt ändern kann. Im vergangenen Jahr hat der "Daily Star" bereits viele Leser gewonnen. Noch ist der Konkurrent mit 835 000 Exemplaren ein kleiner Fisch, doch das war mal anders: 1984 wurden vom "Star" 1,9 Mill. Stück am Tag verkauft. Und vor dem Preiskampf war die Auflage der "Sun" auf ein 29-Jahres-Tief gefallen.

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