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14.01.2001

15:29 Uhr

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BSE-Krise weitet sich aus

Die jüngste Entwicklung der BSE-Krise in Deutschland weckt schlimmste Befürchtungen vor einer dramatischen Ausweitung der Rinderseuche. Alarmiert über die Erkrankung eines Rindes in Bayern, das jünger als 30 Monate war, zeigte sich EU-Kommissar David Byrne.

dpa BERLIN/WIEN. Die BSE-Krise in Deutschland weitet sich aus. In Schleswig-Holstein wurden erstmals zwei BSE-Fälle in einem Rinderbestand nachgewiesen. Erstmals wurden am Sonntag auch je ein Verdachtsfall in Österreich und Italien bekannt. Der Widerstand von Bauern und Politikern gegen die geplanten Massentötungen von Rindern zur Bekämpfung des Rinderwahnsinns wird indessen heftiger. Die Union warf Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) vor, eine Kampagne gegen die Bauern zu starten.

Der EU-Kommissar für Verbraucherschutz, David Byrne, befürchtet, dass die Rinderseuche in Deutschland ein Ausmaß ähnlich der Epidemie in Großbritannien annehmen könnte. Durch die BSE-Krise sind nach Einschätzung der Gewerkschaft NGG "mindestens" 10 000 Arbeitsplätze in der Ernährungswirtschaft bedroht. Bundesweit wurden seit Ende November 13 BSE-Fälle nachgewiesen, davon allein sechs in Bayern.

Die wegen der BSE-Krise geplante Tötung von 400 000 älteren aufgekauften Rindern ist noch nicht beschlossen. "Es ist noch nichts entschieden", ließ die neue Ministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft, Renate Künast (Grüne), erklären. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft hatte angekündigt, in den kommenden sechs Monaten in Deutschland 400 000 Rinder über 30 Monaten anzukaufen und "mit dem Ziel der Verbrennung" töten zu lassen. Auf diese Weise solle der Markt entlastet werden. Die Rinder sollten vor der Beseitigung auf BSE untersucht werden.

Ein aus dem österreichischen Tirol stammendes Tier wurde nach Behördenangaben vom Sonntag in Baden-Württemberg geschlachtet und positiv auf Rinderwahn getestet. Das Ergebnis der Gegenprobe stand noch aus. Das Tier sei in Grenzenähe aufgezogen worden. In Österreich sind bislang die obligatorischen BSE-Schnelltests bei Rindern über 30 Monaten sämtlich negativ ausgefallen.

In Schleswig-Holstein wurde am Samstag der insgesamt dritte BSE- Fall von der zuständigen Bundesforschungsanstalt in Tübingen bestätigt. Die beiden BSE-infizierten Tiere kommen aus einem Bestand, sind aber nicht verwandt.

Als Ursachen für die BSE-Übertragung werden so genannte Milchaustauscher für Kälber, ein mit tierischen Fetten angereicherter Milchersatz, sowie mit verbotenem Tiermehl verunreinigtes Kraftfutter vermutet. Die britische Behörde für Lebensmittelsicherheit will nun untersuchen, ob BSE auch durch Milch übertragen werden kann. Das berichtete die Zeitung "The Sunday Times" (London).

In einem vertraulichen Brief vom 8. Januar an das Gesundheits- und an das Landwirtschaftsministerium in Berlin forderte EU-Kommissar Byrne von der Bundesregierung "umgehend Informationen" darüber, wie stark in Deutschland das Tierfutter wirklich BSE-verseucht sei. Dies berichtet die "Bild am Sonntag".

Grund für den Brief des EU-Kommissars sei der BSE-Fall eines erst 28 Monate alten Rindes in Bayern. "Bild am Sonntag" zitiert Byrne mit den Worten: "BSE-Fälle bei so jungen Tieren sind bisher nur im Vereinigten Königreich festgestellt worden, als die BSE-Inzidenz auf Grund unzureichender Schutzmaßnahmen auf epidemische Ausmaße anstieg und große Menge kontaminierter Futtermittel im Umlauf waren."

Bayern beharrt auf seinem umstrittenen Sonderweg zur Bekämpfung der BSE-Krise. Landwirtschaftsminister Josef Miller sagte in einem dpa-Gespräch, für die Bauern sei es eine gute Alternative, statt ihrer gesamten Herde nur eine begrenzte Risikogruppe zu schlachten. Miller und Gesundheitsministerin Barbara Stamm (beide CSU) bekräftigten, sie wollten trotz starken Drucks im Amt bleiben. In der Oberpfalz protestierten rund 1 500 Landwirte gegen die BSE-Politik.

EU-Agrarkommissar Franz Fischler rechnet als Konsequenz aus der BSE-Krise nicht mit drastischen Kostensteigerungen für Lebensmittel besserer Qualität. Auf die Haushalte kämen Zusatzkosten in Höhe von etwa einem Prozent zu, sagte er dem Berliner "Tagesspiegel". Bei der Förderung umweltfreundlicher Landwirtschaft liege Deutschland innerhalb der Europäischen Union nur im Mittelfeld.

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel sagte vor dem Beginn der Klausurtagung der CDU-Spitze in Mainz, die Bauern dürften nicht zu Buhmännern gemacht werden. Nötig sei, Solidarität mit den Landwirten zu bekunden. Der CDU/CSU-Bundestagsfraktionschef Friedrich Merz, warf Schröder vor, im Zuge der BSE-Krise eine Kampagne gegen die Landbevölkerung zu starten.

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