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28.04.2003

19:30 Uhr

"Bündelung von Kompetenzen"

Infineon verlagert Automotive-Sparte nach Villach

Der Münchener Chiphersteller Infineon wird seine Sparte Automobil- und Industrieelektronik weiter ins österreichische Villach verlagern. Damit nimmt der von dem Konzern diskutierte Umbau - der eine mögliche Verlagerung des Firmensitzes aus Deutschland umfasst - erste konkrete Formen an.

Reuters MÜNCHEN. Branchenkreisen zufolge will der Konzern zudem am Dienstag den Abbau von 150 Stellen im Bereich Mobilfunk-Infrastruktur bekannt geben. "Die Verlagerung der Automotive-Sparte ist der Anfang, weitere Schritte werden folgen. (...) Jetzt ist der günstigste Zeitpunkt, das Unternehmen neu aufzustellen", sagte Infineon-Chef Ulrich Schumacher der Süddeutschen Zeitung (SZ) in einem am Montag vorab veröffentlichten und redaktionell bearbeiteten Interview. "Wir erwarten gewaltige Synergien."

Die Verlagerung ist nach Worten eines Konzernsprechers jedoch nicht primär steuerlich motiviert, sondern dient dazu, Prozesse und Kommunikationswege innerhalb der Division zu verkürzen. "Das ist keine steuerliche Frage, das ist vor allem eine Bündelung von Kompetenzen", sagte der Sprecher. Infineon hat in Hinblick auf die seit Monaten diskutierte Verlagerung des Firmensitzes ins Ausland stets argumentiert, dort sei eine deutlich geringere Steuerbelastung zu realisieren. Die Infineon-Aktie ging am Abend mit 6,87 ? um 1,3 % aus dem Handel, während der Dax 4,1 % zulegte.

In Aufsichtsratskreisen hieß es, eine Verlagerung des Firmensitzes habe in der Sitzung des Kontrollgremiums am Nachmittag nur eine untergeordnete Rolle gespielt. "Es hat keine Standort-Debatte gegeben", hieß es nach dem Treffen. "Das Management prüft derzeit ganz viele Pläne um Geld zu sparen." Entscheidungen zu einer Verlagerung seien nicht gefallen, auch habe der Vorstand seine Pläne nicht konkretisiert. "Das ist eine Phantom-Debatte", hieß es. Im Gespräch für einen neuen Sitz sind seit längerem die Schweiz, Asien und die USA.

Infineon-Chef Schumacher will am Dienstag nach Angaben aus Branchenkreisen in München den Abbau von 150 Arbeitsplätzen in der im Sommer 2002 von Ericsson übernommenen Chip-Produktionssparte bekannt geben. "Da geht es um 150 Stellen, überwiegend in Schweden", erfuhr Reuters am Montagabend. "In Deutschland ist niemand betroffen." Ein Sprecher lehnte eine Stellungnahme ab.

Dem SZ-Bericht zufolge entwickeln und fertigen bereits heute rund 2000 Beschäftigte in Villach für den Automotive-Bereich. In München seien etwa 400 Mitarbeiter beschäftigt. In den nächsten Monaten sollten nun die Führungsspitze der Sparte und bis zu 70 Entwickler nach Villach umziehen. "Ich rechne schon mit einigem Widerstand (der Arbeitnehmer), aber wir werden das gemeinsam lösen", zitierte die Zeitung Automotive-Chef Reinhard Ploss.

Die Automotive-Sparte hatte im abgelaufenen Geschäftsjahr 2001/02 (zum 30. September) rund 23 % zum Umsatz beigesteuert und ist der einzige Bereich, der seit längerem kontinuierlich schwarze Zahlen schreibt. Der sechstgrößte Halbleiter-Hersteller der Welt beschäftigt etwa die Hälfte seiner rund 30 400 Mitarbeiter in Deutschland. Zuletzt hatte Schumacher bereits die Buchhaltung nach Portugal verlagert.

Der Infineon-Chef, der in den vergangenen Jahren bereits rund 5000 Arbeitsplätze weltweit abgebaut hat, scheut die Auseinandersetzung mit den Betriebsräten nicht. So erntete er heftige Kritik für seine Pläne, Vorgesetzte sollten künftig leistungsschwache Mitarbeiter identifizieren und - falls nach einer Trainingsmaßnahme keine Besserung eintritt - konsequent freisetzen. In Deutschland wurde das Programm nach harschem Widerstand der Gewerkschaften schließlich zunächst ausgesetzt.

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