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16.07.2000

16:48 Uhr

Bundesbankpräsident hofft auf Wachstumsimpulse

Steuerreform stärkt Finanzplatz Deutschland

Die Investmentbanker feiern. Sie erwarten Schub für den Aktienmarkt. Die Bundesbank erhofft sich von der Reform eine Stärkung des Euro. >>Kommentar: Beigeschmack

HB DÜSSELDORF. Analysten und Volkswirte sind sich einig: Mit der Zustimmung zur Steuerreform wird der Finanzplatz Deutschland - vor allem für ausländische Investoren - attraktiver. Kapitalmarktexperten aus London, Frankfurt und New York werteten in einer Umfrage des Handelsblattes die Zustimmung zum Reformprojekt als wichtigen Schritt in Richtung mehr Markt und weniger staatliche Regulierung. Die Bundesregierung habe ihren Willen, Verkrustungen aufzubrechen unter Beweis gestellt.

Dax auf 8000 Punkte

"Wann immer staatliche Regulierungen fallen, hilft das den freien Märkten und damit auch den Aktienbörsen", urteilt Jeffrey DeGraaf von der Investmentbank Lehman Brothers in New York. Für amerikanische Portfoliomanager eröffne sich durch die Steuerreform ein ganz neues Universum. DeGraaf zeigte sich überzeugt, dass jetzt mehr Kapital nach Deutschland fließen wird. "Deutschland war bisher einer der schwächsten Märkte Europas". Jetzt sehe man aber bereits Anzeichen für eine Wende. Der Analyst rechnet bis zum Jahresende mit einem Anstieg des Deutschen Aktienindex (Dax) auf 8 000 Punkte.



Bereits am Freitag hatten die Anleger mit Erleichterung auf die Verabschiedung der Steuerreform reagiert. Der Bunderat hatte in einem Entschließungsantrag die Bundesregierung aufgefordert, den Spitzensteuersatz ab 2005 auf 42 % statt 43 % zu senken. Bereits ab 2001 wird der Körperschaftsteuersatz auf 25 % gesenkt. Das Anrechnungsverfahren wird durch das Halbeinkünfteverfahren ersetzt. Entgegen den ursprünglichen Plänen können Kapitalgesellschaften erst ab 2002 ihre Beteiligung an anderen Kapitalgesellschaften steuerfrei verkaufen. Davon profitierten am Freitag vor allem die Finanztitel. Der Dax war auf ein Vier-Wochen-Hoch von 7 318 Punkten geklettert.



Roger Kubarych Kapitalmarktexperte des US-Instituts "Council on Foreign Relations" zeigte sich überzeugt, dass die Steuerbefreiung eine Welle von Unternehmensverkäufen und Fusionen auslösen wird. Dadurch werde ein großer Teil des deutschen Kapitals erstmals für Aktienbesitzer zugänglich. "Das ist eine großartige Sache für die Aktienkultur", betonte Kubarych.



Lob für die Reform kommt auch aus London: Das Projekt stütze die Wirtschaftsentwicklung und den Konsum in Deutschland und eröffne damit die Chance auf Kursgewinne am Aktienmarkt., meint Chris Iggo, Chefökonom für Europa bei der Barclays Bank. Nach Einschätzung von Elga Bartsch, Volkswirtin bei Morgan Stanley Dean Witter, wird die Reform dafür sorgen, dass die Deutsche Börse in diesem Jahr besser abschneidet als andere Märkte. Kurzfristig sieht sie aber "nicht mehr viel Luft nach oben", da sich die fundamentalen Rahmendaten für die internationalen Aktienmärkte derzeit eintrübten. Etwas optimistischer zeigt sich Werner Hess von der Dresdner Bank. "Die Einigung könnte der Startschuss für eine kleine Sommerhausse sein", meint er. Kurzfristig könne der Dax durchaus die Marke von 7 500 Punkten klar überwinden.



Bundesbankpräsident Ernst Welteke wertet die Steuerreform als "historischen Beschluss". Der Geldpolitiker sagte dem Handelsblatt, die Einigung werde zu einem "deutlichen Wachstumsschub" in Deutschland führen. Er rechnet mit einem Beitrag von 0,5 % zum Bruttoinlandsprodukt. Dadurch könne Deutschland konjunkturell zum europäischen Durchschnitt aufschließen oder sogar übertreffen. Europa habe damit die Chance, die Wachstumsunterschiede zu den USA zu verringern. Somit werde die Steuerreform auch dem Außenwert des zuletzt wieder schwächeren Euros helfen.



In der Union löste die Niederlage im Bunderat eine Debatte um die künftige Strategie der Partei aus. CDU-Chefin Angela Merkel und der Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz räumten Fehler ein. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber drohte den Abweichlern in der Union mit Konsequenzen.

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