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28.07.2000

17:52 Uhr

Bundeskriminalamt ermittelt

Fremdenfeindliches Motiv bei S-Bahn-Anschlag nicht ausgeschlossen

Die Opfer des Bombenanschlags in Düsseldorf stammen aus der Ex-UdSSR und sind überwiegend Juden.

afp DÜSSELDORF. Nach dem Düsseldorfer Bombenanschlag schließen die Ermittler ein fremdenfeindliches Motiv nicht aus. Alle neun Verletzten stammen aus der ehemaligen Sowjetunion, sechs von ihnen sind Juden, wie der Düsseldorfer Staatsanwalt Johannes Mocken am Freitag mitteilte. Mocken betonte aber, es gäbe noch keine "heiße Spur". Es könne auch Zufall sein, dass sich die Bombenexplosion genau zu dem Zeitpunkt ereignete, als sich die Gruppe an der S-Bahn-Station Wehrhahn befand. Seinen Angaben zufolge hatten die Opfer am Donnerstag wie jeden Tag einen Deutschkurs für Ausländer besucht. Die Gruppe sei auf dem Weg von der Sprachschule zum S-Bahnhof gewesen, als der Sprengsatz detonierte. Von den neun Verletzten im Alter von 24 bis 50 Jahren befand sich am Freitag noch ein Mann in Lebensgefahr. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Mordes.

Verletzte kommen aus der Ukraine, Aserbaidschan und Russland

Unter den vier schwer Verletzten befindet sich die 26-jährige Tatjana L., die durch den Anschlag ihr ungeborenes Kind verloren hatte. Sie war im fünften Monat schwanger. Ihr nahezu abgerissenes Bein wurde in der Düsseldorfer Universitätsklinik wieder angenäht. Ihr Mann Michail L. erlitt schwere Bauchverletzungen und befand sich am Freitag in künstlichem Koma.

Die Art des Sprengkörpers sei zunächst weiter unklar, sagte Mocken. Die Behörden versprachen sich von der Identifizierung wesentliche Erkenntnisse für die Ermittlungen. Wenn bekannt sei, ob es sich um einen Fern- oder Zeitzünder handele, ließe das möglicherweise Rückschlüsse darauf zu, ob die ausländischen Sprachschüler gezielt getroffen werden sollten, sagte der Staatsanwalt.

Keine voreiligen Spekulationen bezüglich antisemitischer Motive

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, verurteilte den Anschlag als "Attentat gegen Menschen, unabhängig davon, ob es sich um Deutsche, Ausländer oder Juden handelt". Er warnte zugleich vor voreiligen Spekulationen über mögliche antisemitische Motive. Er werde sich nicht an solchen Vermutungen beteiligen, sagte er AFP. Auch der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf, Esra Cohn, äußerte sich im NDR vorsichtig. Möglicherweise sei es ein Zufall, dass eine jüdische Gruppe getroffen worden sei. Drohungen habe es in letzter Zeit nicht gegeben.

LKA und BKA ermitteln

In die Ermittlungen wurden das Landes- und Bundeskriminalamt sowie der Staatsschutz eingeschaltet. Es bestehe auch Kontakt zum Generalbundesanwalt, sagte der Leitende Düsseldorfer Oberstaatsanwalt Manfred Classen. Sollten sich "verlässliche Anhaltspunkte" für ein fremdenfeindliches Motiv ergeben, werde geprüft, ob er die Ermittlungen übernehme. Für Hinweise auf die Täter wurde eine Belohnung von 10.000 Mark ausgesetzt.

Vesper fordert offensive Haltung gegen Rechtsextremismus

Der stellvertretende nordrhein-westfälische Ministerpräsident Michael Vesper (Grüne) warnte davor, sich angesichts einer Abnahme rechtsextremer Gewalttaten in Sicherheit zu wiegen. Er forderte im NDR die Bevölkerung auf, sich offensiv gegen die Anfänge wie beispielsweise Beleidigungen zu stellen. Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte, der Bekämpfung des Rechtsextremismus einen höheren Stellenwert einzuräumen. Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit dürften "sich nicht weiter unterschwellig entfalten können", erklärte der stellvertretende GdP-Vorsitzende Konrad Freiberg.

Nach der Explosion war am Donnerstagabend eine weitere Bombendrohung für den Bereich des S-Bahnhofs Wehrhahn eingegangen. Bei der Suche wurde aber kein Sprengstoff entdeckt. Es sei nicht auszuschließen, dass ein "Zeitgenosse mit abartigem Humor" die Polizei in die Irre geführt habe, sagte Mocken.

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