Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.01.2001

13:43 Uhr

Bush dankte Gore

Neuer US-Präsident Bush will Nation einen

Der neue republikanische US-Präsident George W. Bush hat nach seiner Vereidigung angekündigt, das Land nach der Kontroverse um den knappen Wahlausgang zu einen. Als Präsident werde er für eine geeinte Nation der Gerechtigkeit und Chancengleichheit arbeiten, versprach der 54-Jährige am Samstag in seiner Rede nach der Vereidigung auf den Stufen des Kapitols in Washington. Bei Nieselregen nahmen er und seine Frau Laura unter dem Jubel Tausender Zuschauer am Nachmittag die traditionelle Parade nach der Amtseinführung ab.

rtr/dpa WASHINGTON. Die Feierlichkeiten wurden vom größten Polizeiaufgebot gesichert, das es je bei einer Präsidenten-Vereidigung gab. Viele Demonstranten warfen dem Nachfolger des Demokraten Bill Clinton Wahlbetrug vor.

Die rechte Hand zum Schwur erhoben und die linke auf der Bibel, sprach Bush feierlich die 35 Worte des Amtseides und fügte hinzu: "So wahr mir Gott helfe". Die Bibel war die gleiche, auf die der erste US-Präsident George Washington 1789 seinen Amtseid geschworen hatte. Nach seiner Rede wurde Bush herzlich von seinem Vater George Bush umarmt, der vor Clinton im Weißen Haus regiert hatte. Bush junior, der zuvor Gouverneur von Texas war, ist erst der zweite Präsident in der Geschichte der USA, der seinem Vater ins Weiße Haus folgt: Der erste war 1825 John Quincy Adams, Sohn des zweiten US-Präsidenten John Adams.

Nach der Vereidigung Bushs brandete Applaus auf. Außer seiner Frau Laura in türkisblauem Kostüm standen auch die 19-jährigen Zwillingstöchter Barbara und Jenna neben dem neuen Präsidenten. Zuvor war sein Vize Dick Cheney vereidigt worden. Die Amtseinführung wurde von Fanfarenstößen, Marschmusik und Salutschüssen begleitet.

Vor dem mit Sternenbannern geschmückten Kapitol dankte Bush Clinton sowie dessen Vize Al Gore, der knapp gegen Bush verloren hatte. "Ich danke Vizepräsident Gore für einen Wettkampf, der geistreich geführt wurde und in Würde endete", sagte Bush. Sowohl Gore als auch Clinton und dessen Frau Hillary waren bei der Zeremonie anwesend. Vereidigt wurde Bush vom Vorsitzenden Richter des Obersten US-Gerichts, William Rehnquist. Das Gericht hatte den wochenlangen juristischen Streit um den Ausgang des Rennens um die Präsidentschaft im wahlentscheidenden Bundesstaat Florida in letzter Instanz entschieden.

Bush verspricht Steuersenkungen

Bush schlug mit Blick auf die zurückliegende Kontroverse in seiner Antrittsrede einen versöhnlichen Ton an. Die Chancen einiger Amerikaner seien durch Vorurteile, Herkunft und Bildung beschränkt, sagte Bush in seiner 15-minütigen Rede. Er habe manchmal den Eindruck, die Amerikaner würden auf einem Kontinent, aber nicht in einem Land leben. Dies könne er nicht akzeptieren. Bush versprach Steuersenkungen sowie eine Reform des Schulsystems sowie der Sozial- und Krankenvericherung. Er kündigte zudem den Aufbau eines nationalen Raketenschutzschildes (NMD) an: "Wir werden uns gegen Massenvernichtungswaffen wehren, damit dem neuen Jahrtausend neuer Schrecken erspart bleibt." NMD trifft bei den europäischen NATO-Verbündeten der USA sowie in Russland und China auf Vorbehalte, da sie eine Gefährdung der bestehenden Machtbalance befürchten. Der Raketenschutzschild soll die USA nach eigenem Bekunden vor etwaigen Angriffen unberechenbarer Staaten wie Nordkorea oder Irak schützen. Bush sagte, Amerika werde sich weiter in der Welt engagieren, "freiwillig und aus historischen Gründen". Er selbst wolle sich mutig für das öffentliche Interesse einsetzen und für mehr Gerechtigkeit und Mitgefühl kämpfen.

Die Rede des US-Präsidenten im Wortlaut

Bundeskanzler Gerhard Schröder gratulierte Bush zum Amtsantritt und wünschte ihm "eine erfolgreiche Regierungszeit". Die Partnerschaft mit den USA gehöre "zu den unverrückbaren Grundlagen deutscher Außenpolitik", schrieb Schröder in einem am Samstag veröffentlichten Glückwunschtelegramm. Der Kanzler begrüßte, dass Bush "so entschieden für ein international engagiertes Amerika" eintrete.

Rund 9000 Beamte sicherten die Vereidigungsfeierlichkeiten. Nach Angaben der Veranstalter protestierten 20 000 Menschen gegen den neuen Präsidenten. Einige riefen anstelle des traditionellen "Hail to the Chief" (etwa: "Ein Hoch unserem Anführer") "Hail to the Thief" ("Ein Hoch dem Dieb") in Anspielung auf den umstrittenen Ausgang der Wahl, bei dem nach ihrer Ansicht nicht alle Stimmen berücksichtigt wurden. Entlang der Strecke, die Bush langsam in seinem Wagen vom Kapitol zu seinem neuen Amts- und Wohnsitz im Weißen Haus zurücklegte, fanden sich neben tausenden jubelnden Menschen auch Demonstranten ein. Die Wagenkolonne hielt kurz vor einigen Demonstranten, setzte sich aber wieder in Bewegung, als diese buhten. An anderer Stelle rissen Polizisten einen Demonstranten zu Boden. Nach Polizeiangaben gab es insgesamt neun Festnahmen. Befürchtete gewalttätige Ausschreitungen gab es aber nicht. Es waren die größten Protestaktionen bei der Amtseinführung eines Präsidenten seit den Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen 1973 bei der Vereidigung von Richard Nixon.

Um Versöhnung ging es beim anschließenden traditionellen Mittagessen Bushs mit Spitzenpolitikern des Kongresses. In Anspielung auf die Sorge, dass eine Zusammenarbeit mit beiden Parlamentskammern wegen des Wahlstreits schwierig sein könnte, sagte Bush: "Ich bin hier, um dem Land zu sagen, dass die Sache bereinigt wird."

Bushs Kabinettsliste

Der US-Senat bestätigte kurz nach der Vereidigung sieben Kabinettsmitglieder Bushs, darunter Außenminister Colin Powell. Als erste Amtshandlung hob Bush einige Anordnungen auf, die Clinton in den letzten Amtstagen unterzeichnet hatte. Nicht betroffen war davon die Amnestie, die Clinton am Samstag 140 Personen gewährt hatte. In den Genuss der Amnestie kam unter anderen Clintons Halbbruder Roger, der wegen Drogenkriminalität ein Jahr lang im Gefängnis gesessen hatte. Zum Abschluss des Tages besuchte Bush junior zusammen mit seiner Frau Laura insgesamt acht Bälle zu seinen Ehren. "Jetzt ist nicht die Zeit für Reden sondern fürs Tanzen", sagte Bush bei der Ankunft auf seinem ersten Ball.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×