Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.01.2001

15:37 Uhr

Bush-Regierung denkt über vorgezogene Steuererleichterungen nach – Weitere Zinssenkung erwartet

Rezessionsangst hält US-Wirtschaft in Atem

VonGertrud Hussla

Trotz der jüngsten Arbeitsmarktdaten, die nicht so schlecht ausgefallen sind wie befürchtet, konnten die Sorgen über eine "harte Landung" der amerikanischen Konjunktur nicht ausgeräumt werden.

NEW YORK. Die neuesten US-Arbeitsmarktdaten sowie die jüngsten Zahlen der Eigenheimverkäufe geben ein gemischtes Bild über das Ausmaß des Konjunktureinbruchs in den USA. Die drohende Zahlungsunfähigkeit kalifornischer Energieversorger hat an den Kapitalmärkten die Sorge um die generelle Bonität der Bankenkredite wieder aufleben lassen und die Aktienkurse erneut in den Keller geschickt. Um eine Rezession abzuwenden, wird neben weiteren Zinssenkungen in Washington jetzt eine vorgezogene Steuersenkung diskutiert.

Die mit Spannung erwarteten neuen US-Arbeitmarktdaten fielen moderater aus als befürchtet. Die Arbeitslosenquote hat sich im Dezember bei 4 % gehalten, die Zahl der neuen Stellen lag mit 105 000 sogar etwas höher als vorhergesagt. Allerdings stammten sie zu mehr als der Hälfte von neuen Jobs im öffentlichen Dienst. Im gesamten produzierenden Gewerbe seien die Arbeitsplätze zurückgegangen, teilte das US-Arbeitministerium mit. Im letzten Jahr seien vor allem in Fabriken insgesamt 180 000 Jobs verloren gegangen.

Aktienmärkte fallen als Konjunkturmotor aus

Ein Rückgang auch im Bausektor: Dort wurden im November gegenüber dem Vormonat 2,2 % weniger Eigenheime verkauft, berichtet die US-Regierung. Allerdings bewegte sich der Eigenheim-Verkauf noch immer auf Rekordniveau: Er lag um 1,6 % höher als im November 1999.

Diese jüngsten, vergleichsweise moderaten Zahlen geben allerdings nur unvollständig Aufschluss über den Zustand der US-Wirtschaft und die Gefahr, dass sie in eine Rezession schlittert. Die Aktienmärkte, die in den 90er-Jahren zum wichtigen Motor der US-Wirtschaft geworden sind, haben mit neuen Kurseinbrüchen vor allem auf die drohende Zahlungsunfähigkeit zweier großer kalifornischer Energieversorger reagiert (siehe Seite 17). Sie könnten zu weiteren Zahlungsausfällen in der Kreditwirtschaft führen und haben allgemein zu wachsender Sorge über die Bonität der Bankenkredite geführt. Hinzu kommen ständig neue Ergebniswarnungen aus der Industrie.

Steuern und Zinsen dürften sinken

Ökonomen diskutieren jetzt, welche Schritte sowohl von der US-Zentralbank als auch von der künftigen Regierung Bush zu erwarten sind. Die Hoffnung auf eine weitere deutliche Zinssenkung hat sich reduziert, nachdem die Lohnkosten im Dezember stärker als erwartet um 0,4 % gestiegen sind. Dennoch glauben Ökonomen, dass rasche Zinssenkungen notwendig sind.

Chefökonom Bruce Steinberg von Merrill Lynch erwartet eine Zinssenkung um 25 Basispunkte zum Ende des Monats und rechnet mit weiteren 25 bis 50 Basispunkten Ende März. "Die Fed muss ihre Zinssenkungen beschleunigen, wenn sie die Ökonomie im Gleichgewicht halten will", sagte Steinberg. Bis zum Juni könne die Rate für kurzfristige Interbankenkredite von gegenwärtig 6 auf 5,25 % reduziert sein.

James Glassman von J. P. Morgan rechnet sogar mit noch drastischeren Schritten. Er erwartet einen halben Prozentpunkt schon zum Ende dieses Monats und eine bis auf 4,75 % reduzierte Rate im Juni. "Die Fed muss unserer Meinung nach so rasch wie möglich den Fuß von der Konjunkturbremse nehmen", glaubt Glassman.

Auf einem Treffen mit Wirtschaftsführern in Austin/Texas hat der künftige Präsident George W. Bush unterdessen laut über eine vorgezogene Steuersenkung nachgedacht. "Die Frage ist, wie rasch wir die Erleichterungen umsetzen. Es könnte nötig sein, sie schneller wirksam werden zu lassen als geplant", sagte Bush. Der wirtschaftliche Berater von Bush, Lawrence Lindsey, sagte, Bush könnte die geplanten Erleichterungen für die Gruppe der niedrigen und mittleren Einkommen vorziehen, weil diese Menschen sie auch dringender brauchten. Das von Bush angekündigte Steuerpaket sieht Erleichterungen von rund 1,3 Bill. $ bis 2010 vor.

Experten warnen allerdings, dass selbst eine rückwirkende Steuersenkung ab 1. Januar 2000 keine raschen Impulse für die Wirtschaft bringen würde, da es bis weit in die zweite Jahreshälfte dauern dürfte, bis ein solches Steuergesetz verabschiedet ist. Die wirtschaftlichen Auswirkungen würden danach noch einmal einige Monate auf sich warten lassen.

Auch Zinssenkungen wirken gewöhnlich erst mit einer zeitlichen Verzögerung von einem halben bis dreiviertel Jahr. Bis dahin hängt fast Alles von der Psychologie der Investoren ab. Die Zahl der Aktienbesitzer ist nach Angaben der New Yorker Börse in den 80er-Jahren von 50 Millionen auf 82 Millionen Amerikaner gestiegen. Der so genannte Wohlstandseffekt steigender Aktienkurse, der die US-Bürger zum sorglosen Konsum anregte, hat etwa einen Prozentpunkt zum Wirtschaftswachstum beigetragen, errechnete die US-Zentralbank. Wenn es nicht gelingt, die kommenden Monate mit einem vergleichsweise stabilen Aktienmarkt zu überbrücken, dürfte eine harte Landung mit einem Wachstum von weniger als 2 % oder gar eine Rezession schwer zu vermeiden sein.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×