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27.01.2002

12:10 Uhr

Capriati verteidigt Titel

Außenseiter Johansson gewinnt Australian Open

Der schwedische Außenseiter Thomas Johansson hat die Australian Open gewonnen. Bei den Damen verteidigte Jennifer Capriati ihren Titel.

dpa MELBOURNRE. Thomas Johansson verteilte keine Geschenke an Geburtstagskind Marat Safin, Jennifer Capriati nahm die Präsente von Martina Hingis dankbar an. Die Titelverteidigerin aus den USA löschte bei den Australian Open trotz Backofenhitze einen 113 Jahre alten Rekord aus und wehrte als erste Siegerin in einem Grand-Slam-Finale vier Matchbälle ab. Mit dem 4:6, 7:6 (9:7), 6:2-Erfolg krönte sie am Samstag ihre triumphale Rückkehr in die Tennis-Elite. Der schwedische Außenseiter Johansson schaffte am Sonntag den finalen Favoritensturz der Herren-Konkurrenz und besiegte Safin an dessen 22. Geburtstag mit 3:6, 6:4, 6:4, 7:6 (7:4). Während Johansson im 25. Anlauf seinen ersten Grand-Slam-Titel gewann, verpasste der Russe gegen die Nummer 18 der Weltrangliste seinen zweiten Triumph nach den US Open 2000.

"Das waren die besten zwei Wochen meines Lebens. Ich hätte nie gedacht, dass ich einen Grand Slam gewinne. Das ist mit nichts zu vergleichen. Es ist ein Traum", sagte Johansson, der die Nachfolge des verletzten Andre Agassi antrat. Zwei Tage nach seinem Halbfinal- Erfolg über Thomas Haas fand Safin nicht die Kraft zu einem erneuten Comeback, blieb aber gelassen: "Ich konnte nichts machen, er hat zu gut gespielt." Die Favoritenbürde wog im 2:53 Stunden langen Match zu schwer. "Das war eine gute Lektion für mich", gab Safin zu.

In Johansson hat nach fast einem Jahrzehnt erstmals wieder ein Schwede eines der vier wichtigsten Tennis-Turniere zu seinen Gunsten entschieden. Zuletzt hatte Stefan Edberg 1992 die US Open gewonnen. Letzter schwedischer Australian-Open-Sieger war vor 14 Jahren Mats Wilander. Der dreimalige Champion hatte im vorigen Jahr Safin trainiert, weilte aber nicht in Australien.

Comeback-Königin Jennifer Capriati sitzt nach einer historischen Energieleistung fester als je zuvor auf dem Tennis-Thron. Die Weltranglisten-Erste wehrte noch einen Matchball mehr ab als die siegreiche Britin Blanche Bingley Hillyard im Wimbledon-Finale 1889. Vor Jahresfrist hatte die Olympiasiegerin von 1992 mit einem glatten 6:4, 6:3 über die Schweizerin nach ihrer tiefen persönlichen Krise den kaum noch erwarteten ersten Grand-Slam-Titel geholt. Beinahe hätte sie ihn wie Agassi nicht verteidigen können: Laut Vater Stefano gefährdeten die Beschwerden an ihrer rechten Hüfte die Teilnahme.

"Ich weiß nicht, welcher Sieg mehr wert ist. Aber dieser ist einmalig, er wird sicher herausragen", sagte die 25-Jährige, die ihren ersten French-Open-Triumph im Vorjahr mit einem 12:10 im dritten Satz über die Belgierin Kim Clijsters errungen hatte. Das Finale in der Rod-Laver-Arena stellte jedoch alles bisher Dagewesene in den Schatten. Das Thermometer zeigte unter stechender Sonne auf dem Platz 46 Grad an. 15 der 15 460 Zuschauer mussten ärztlich behandelt werden. "Es waren die härtesten Bedingungen, unter denen ich je gespielt habe. Man konnte kaum atmen, weil die Luft so heiß war. Sogar nach kurzen Ballwechseln musste ich in den Schatten und mich setzen", sagte Jennifer Capriati.

Umso erstaunlicher waren ihr Willen und das Versagen von Martina Hingis im entscheidenden Moment. 4:0 führte die 21-Jährige im zweiten Satz und hatte sogar einen Breakball zum 5:1. Den ersten Matchball vergab sie beim Stand von 5:3, die nächsten beiden beim 6:5, den letzten dann im Tiebreak bei einer 7:6-Führung. Martina Hingis wartete vergeblich auf den letzten Fehler im unverlierbaren Finale. "Physisch und mental war ich nicht auf der Höhe. Ich hatte am ganzen Körper eine Gänsehaut", gab sie zu. Die Doppel-Siegerin zahlte den Preis für ihren zweiwöchigen Dauer-Einsatz, fühlte sich innerlich ausgetrocknet und wollte nach der zwölfminütigen Extrapause gar nicht mehr zum entscheidenden Satz antreten.

Drei Jahre nach dem letzten ihrer drei Australian-Open-Erfolge läuft die einstige Weltranglisten-Erste weiter ihrem sechsten Grand- Slam-Titel hinterher. Fünf Final-Pleiten nacheinander gab es seitdem, die erste davon im legendären Endspiel bei den French Open 1999, als Steffi Graf einen 2:5-Rückstand im zweiten Satz noch umdrehte und die Pariser Martina Hingis auspfiffen. In einem Handtuch verbarg die Verliererin nach der 2:10 Stunden langen Partie diesmal ihre Tränen und flüchtete sich später in Optimismus. "Ich bin zurück auf dem Weg nach oben", so Martina Hingis. "Wenn ich krank bin und weiß, dass ich in drei Monaten sterbe, ist das viel dramatischer." So dachte auch Jennifer Capriati und widmete ihren Triumph einem schwer krebskranken Fan aus Melbourne.

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