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23.01.2001

18:56 Uhr

Cargolifter favorisiert Kombiverkehr von Schiff und Luftschiff

Industriekunden sehen Markt für Transport-Luftschiff

Cargolifter passt in enger Zusammenarbeit mit potenziellen Industriekunden seine Pläne dem Markt an. Der fliegende Kran wird wohl zunächst auf kürzeren Strecken über Land eingesetzt.

mwb/kol BERLIN. Aufregung auf der Großbaustelle in Indien: Ein großes Teil für die Kraftwerksturbine ist beschädigt worden, der deutsche Hersteller ist in Verzug. Die Anlieferung des sperrigen Ersatzteils aus Deutschland dauert acht Wochen - und für jeden Tag Verzögerung droht eine Vertragsstrafe von 250 000 DM. "Schafft das der Cargolifter dann in einer Woche, spielen Tagesmietpreise von 100 000 DM nur noch eine untergeordnete Rolle", sagt Hans Helge Westerholt, Versand- und Verkehrsexperte der Siemens Power Generation.

Der Transport von sperrigen Großteilen bedeutet für Kraftwerkhersteller, Maschinenbauunternehmer oder Ölbohrfimen einen immensen Aufwand an Zeit und Geld. Allein die Kraftwerkssparte von Siemens zahlt pro Jahr rund 120 Mill. DM für Transport und Versand. Sollte ein neues Transportmittel wie das Luftschiff Cargolifter in der Lage sein, diese Spezialtransporte entscheidend zu beschleunigen, wäre die Zahlungsbereitschaft bei den Kunden hoch. An diesen Überlegungen orientierten sich die ersten Planungen der Cargolifter-Entwickler: 10 000 Kilometer nonstop sollte das Luftschiff Lasten von bis zu 160 Tonnen tragen.

Nonstop-Flüge sollen eher Ausnahme sein

Doch sehr bald zeigte sich, dass diese Maximalwerte kaum realistisch sind. Nicht nur aus technischen Gründen werden zumindest die ersten Cargolifter auf deutlich geringe Transportentfernungen ausgelegt sein. Auch für die potenziellen Kunden sind solche langen Nonstop-Flüge eher die Ausnahme. Bei der Mehrzahl der 300 dokumentierten potenziellen Transportfälle sind nur Reichweiten von unter 3000 Kilometer erforderlich. Nach jetzigem Stand wird der erste Cargolifter mit 160 Tonnen Last maximal 4680 Kilometer Reichweite haben. Transporte von 10 000 km werden nonstop nur noch mit 110 Tonnen Last oder bei Vollast nur mit Tankzwischenstopps möglich sein.

Echte Langstreckenflüge rentieren sich für das Transportluftschiff nur, wenn die Zeit extrem drängt. Denn eins ist auch den Cargolifter-Managern klar: Die Kosten für einen Schiffstransport sind erheblich niedriger. Seine Vorteile wirklich ausspielen könnte das Luftschiff nur beim Transportweg über Land, wenn im Vergleich zu Bodenfahrzeugen aufwendige Umfahrungen beispielsweise von Brücken entfallen. Deswegen favorisiert Cargolifter jetzt ein Kombi-Konzept mit Schiff und Luftschiff. Das Unternehmen will ein weltweites Logistiknetz aufbauen. Kern sind so genannte "Gateways" zunächst an etwa 20 Seehäfen. Verhandlungen werden beispielsweise schon geführt mit den Häfen Dubai, Houston und Singapur. An diesen Abladeplätzen in den Häfen, die Investitionen von jeweils bis zu 2 Mill. DM erfordern, soll dann die Ladung vom Cargolifter an das Schiff übergeben werden.

In ihren Kalkulationen geht Cargolifter von einem Schwertransportvolumen von 30 Mill. Tonnen aus, die für den Cargolifter prinzipiell in Frage kommen. Allein um 10 % dieses Marktes abzudecken, würden verschiedenen Marktstudien zu Folge rund 200 Cargolifter gebraucht.

30 Großunternehmen stellen Entwicklungskapazitäten zur Verfügung

Ein wichtiges Korrektiv für die Planungen der Luftschiffentwickler ist der Kreis der so genannten "Lead User". Bis zu 30 Großunternehmen aus dem Kreis möglicher Nutzer haben sich verpflichtet, eigene Entwicklungskapazitäten für das Transportluftschiff zur Verfügung zu stellen - teilweise per Absichtserklärung, teilweise per Vertrag.

Und das bezieht sich nicht nur auf die technische Seite. Besonderes Gewicht hat die Stimme der "Lead User" natürlich, wenn es um die Wünsche des Marktes geht. So haben die Nutzer Daten aus bereits abgewickelten Aufträgen genommen - inklusive der Kosten für den herkömmlichen Transport - und dann die Kosten und Möglichkeiten eines Cargolifters gegenüber gestellt.

Positiver Nebeneffekt für die Luftschiffbauer: "Damit liefern sie uns gleich einen Hinweis, wie hoch wir später die Preise für unsere Transporte ansetzen können", freut sich Dirk Steffes, Geschäftsführer der Cargolifter Network GmbH, einer der über zehn Töchter der verschachtelten Cargolifter AG.

"Bis zu 50 % Kosteneinsparung"

So hat beispielsweise MAN Takraf, ein Hersteller von Bergbauförderanlagen und Hafenkränen aus Leipzig, vier Projekte in Kasachstan, Saudi Arabien, Chile und in Deutschland neu berechnet. Die Ergebnisse haben Gerhard Nies, Geschäftsführer von MAN Takraf, verblüfft: "Wir sind bei einem Transport mit dem Cargolifter auf Kosteneinsparungen von bis zu 50 % gekommen."

Zugleich aber wurden auch die Grenzen der neuen Technologie deutlich: "Einige unserer Projekte, etwa in den chilenischen Andengebieten, wären mit dem Cargolifter nicht durchführbar gewesen." Denn das Luftschiff schafft mit der Maximallast von 160 Tonnen nur eine maximale Flughöhe (Prallhöhe) von rund 2000 Metern. Größere Höhen können nur mit geringerer Last und stufenweisem Ablassen des Auftriebgases Helium erreicht werden - was die Transporte prinzipiell zwar möglich macht, aber bei Heliumpreisen von 10 DM je Kubikmeter erheblich verteuert.

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