Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.03.2003

07:10 Uhr

Cebit 2003

Kommentar: Sparwahn

VonThomas Nonnast

Es ist keine schöne Zeit für die IT-Branche, die sich noch vor wenigen Jahren in zweistelligen Wachstumsraten sonnen konnte und der keine Vision verwegen genug schien, um nicht noch einem potenten Risikokapitalgeber Millionen aus dem Kreuz zu leiern.

"Runter mit den Kosten" - so lautet nach wie vor die simple Botschaft der Führungsetagen an die für Informationstechnologie verantwortlichen Manager. Und diese machen ihren Lieferanten mächtig Druck. Keine schöne Zeit also für eine Branche, die sich noch vor wenigen Jahren in zweistelligen Wachstumsraten sonnen konnte und der keine Vision verwegen genug schien, um nicht noch einem potenten Risikokapitalgeber Millionen aus dem Kreuz zu leiern.

Nun schlägt das Pendel in die andere Richtung aus - und zwar nicht weniger heftig. Die Finanzierung ist für Technologiefirmen zur zentralen Sorge geworden, und vor dem Urteil der Ratingagenturen zittern inzwischen auch die Großen der Branche. Verhalten bis resignierend ist daher auch die Stimmung unter den Überlebenden, die sich in Hannover auf der Cebit versammelt haben, um - man kann sich des Eindrucks nicht erwehren - über die Regierung, die wirtschaftliche Flaute und die unsichere politische Situation zu klagen. Das mag zwar alles richtig sein. Doch es ändert nichts an der Situation, und - mit Verlaub - man mag es nicht mehr hören.

Vielleicht hat die Krise ja auch ihr Gutes. Schadet es wirklich, dass die Branche das "Verkaufen" ihrer Produkte lernen musste? Ist es wirklich bedauerlich, dass Softwarehäuser inzwischen genauer überlegen, bevor sie Programm-Rohbauten in den Markt pumpen, weil die Kunden Qualitätsmängel nicht mehr akzeptieren? Die Branche könnte doch aus der Krise sogar neues Selbstbewusstsein schöpfen. Schließlich haben die meisten Unternehmen die abrupte Schubumkehr von explosivem Wachstum auf Verdrängungswettbewerb erfolgreich gemeistert.

Doch stattdessen feiert die Branche den Return on Investment als neuen Götzen und gibt damit die richtige Antwort auf die falsche Frage. Das Sparen bei Investitionen in Informationstechnologie wird bei den Kunden nämlich keine Probleme lösen, sondern langfristig neue schaffen. So liegt der Anteil der IT-Kosten an den Gesamtkosten eines Unternehmens je nach Branche zwischen drei und zehn Prozent. Kürzt man also die IT-Kosten um zehn Prozent, sinken die Gesamtkosten um maximal ein Prozent. Setzt man aber gezielt Informationstechnologie ein, um die anderen Kosten zu drücken, dann verspricht das einen weitaus größeren Spareffekt. Doch weil Deutschland bei den IT-Investitionen selbst in Europa das Schlusslicht ist, läuft die deutsche Wirtschaft Gefahr, weiter an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.

Doch um dieser Erkenntnis zum Durchbruch zu verhelfen, sollte sich die IT-Branche endlich offen zu dem bekennen, was sie letztlich ist: eine Rationalisierungsmaschine, die in den nächsten Jahren allein in Deutschland Hunderttausende von Arbeitsplätzen überflüssig machen wird. Ähnlich wie die Elektrotechnik und der Maschinenbau den Tod der Manufakturen einläuteten, wird die digitalisierte Verarbeitung von Informationen das Ende des Sachbearbeiters mit sich bringen - zuerst in den Unternehmen, dann in den Verwaltungen und letztlich in der IT-Branche selbst. Die Aufgabe der Politik muss es sein, die Frage zu beantworten, was aus den Menschen werden wird, die durch diesen Strukturwandel ihre Existenzgrundlage verlieren werden.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×