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25.05.2000

16:58 Uhr

Chance für spannungsfreien Aufschwung – Ostbarometer steigt weiter an

Handelsblatt-Frühindikator im Mai unverändert hoch

In Deutschland gibt es keine Anzeichen für eine Abschwächung der Konjunktur. Geschäftsklima und Auftragseingänge im verarbeitenden Gewerbe sind nochmals günstiger geworden. Auch der Osten wird jetzt vom Aufschwung erfasst. Der Bau steht allerdings trotz revidierter Zahlen weiter auf der Schattenseite.

HB DÜSSELDORF. Der Handelsblatt-Frühindikator für Westdeutschland ist im Mai auf unverändert hohem Niveau geblieben. Der aktuelle Indikatorwert entspricht mit 2,9% dem (revidierten) Stand der beiden Vormonate und signalisiert somit eine ungebrochene Konjunkturdynamik (siehe Tabelle und Grafik). Das Handelsblatt- Konjunkturbarometer für die neuen Länder setzte seinen im April eingeschlagenen Erholungskurs fort und stieg nach 2,4 % und 2,7 % in den beiden Vormonaten auf ebenfalls 2,9 % im Mai (siehe Tabelle und Grafik). Auch hier hat es Korrekturen der Barometerwerte nach oben wegen revidierter Bauaufträge gegeben; sie blieben jedoch ohne Einfluss auf das Verlaufsbild.

Ausschlaggebend für den günstigen Konjunkturverlauf ist im Osten wie im Westen die Entwicklung im verarbeitenden Gewerbe, die zuletzt wieder an Dynamik gewonnen hat. Auch für den Einzelhandel zeichnen sich trotz aktuell verschlechterter Geschäftsklimawerte mittelfristig günstigere Perspektiven ab. Die Bauwirtschaft dürfte dagegen namentlich im Osten vorerst weiter auf der konjunkturellen Schattenseite bleiben.

Das Ifo-Geschäftsklima im verarbeitenden Gewerbe hat sich von Februar auf März in beiden Teilen Deutschlands weiter verbessert. Die neuen Länder haben inzwischen mit einem Saldowert von 15 Punkten auch im Niveau fast zum Westen (16,3 Punkte) aufgeschlossen. Dabei ist im Osten die Einschätzung der zukünftigen Geschäftserwartungen derzeit deutlich günstiger als die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage, während im Westen Lage und Erwartungen etwa gleich bewertet werden. Die Kapazitätsauslastung steigt inzwischen auch in den neuen Ländern, wie die jüngsten Ifo-Zahlen zeigen. Jedoch liegt der Nutzungsgrad im Osten mit 81,6 % noch deutlich unter dem Wert im Westen (87,9 %).

Nachdem der Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe zuletzt etwas schwächer tendiert hatte, ist er im Februar wieder richtig in Fahrt gekommen. Mit einem saisonbereinigten Zuwachs von 5,6 % im Westen bzw. von 9,8 % im Osten wurden jeweils neue Höchststände erreicht, wobei die Dynamik vor allem von der Inlandsnachfrage (+7,2 % in Gesamtdeutschland) kam. Dieses Bild entspricht der im Frühjahrsgutachten geäußerten Erwartung, dass die konjunkturellen Triebkräfte sich allmählich vom Export auf die Binnennachfrage verlagern werden. Schon in den vergangenen Monaten war dieser Tendenzumschwung zu beobachten. So lag der Zuwachs der Inlandsnachfrage im gesamtdeutschen verarbeitenden Gewerbe vom dritten auf das vierte Quartal 1999 mit 2,1 % rund doppelt so hoch wie der entsprechende Zuwachs der Orders aus dem Ausland.

Bisher haben vor allem Vorleistungs- und Investitionsgüter von der Aufwärtsentwicklung profitieren können. Auf Gesamtdeutschland bezogen haben sie im Verlauf des vergangenen Jahres (viertes Quartal 1999 gegen viertes Quartal 1998) reale Nachfragezuwächse von 12 % bzw. 10 % erzielt. Verglichen damit war die Entwicklung bei den Ge- und Verbrauchsgütern mit einem saisonbereinigten Plus von lediglich 6 % bescheiden; bei der Inlandsnachfrage mussten sie sogar ein Minus (-1,6 %) hinnehmen.

Den jüngsten Zahlen nach zu urteilen, könnte sich dieses Bild indessen bald ändern. Im Februar waren die konsumnahen Hauptgruppen des verarbeitenden Gewerbes mit einem Nachfragezuwachs von fast 11 % gegenüber dem Vormonat die klaren Gewinner gegenüber den Investitions- und Vorleistungsgütern. Auch auf mittlere Sicht erscheinen ihre Perspektiven günstig. Nach Berechung der Forschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten wird die Steuer- und Abgabenbelastung in Deutschland im kommenden Jahr um 44 Mrd. DM sinken, die verfügbaren Einkommen der Privaten Haushalte sollen um reichlich 4 % ansteigen (nach 3,8 % im laufenden Jahr). Entsprechend optimistisch kann man für die Konsumnachfrage sein, zumal auch die Arbeitslosigkeit sinkt und damit die Unsicherheit der Arbeitsplätze geringer wird.

Die aktuelle Entwicklung im Einzelhandel ist allerdings noch von widersprüchlichen Signalen gekennzeichnet. Einerseits haben die gesamtdeutschen Umsätze im Februar um 3,8 % zugelegt und damit den scharfen Einbruch im Vormonat fast wieder ausgleichen können. Andererseits wurde damit aber das durchschnittliche Umsatzvolumen des vorherigen Quartals noch immer deutlich unterschritten.

Auch das Ifo-Geschäftsklima im Einzelhandel, das sich in den vergangenen Monaten nachhaltig erholt hatte, musste im März einen empfindlichen Rückschlag hinnehmen. Während sich dieser im Westen noch in Grenzen hielt, ist das Klima im Osten mit-26 Saldopunkten schlagartig wieder auf das niedrige Niveau des vergangenen Herbstes gesunken. Es mag sein, dass es sich dabei um einen Ausreißer handelt. So sehen es offenbar auch die von Ifo befragten Einzelhändler. Zumindest sind ihre Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate weitaus günstiger als ihre Einschätzung der aktuellen Lage, vor allem im Westen.

Im Bauhauptgewerbe sind die Auftragseingangszahlen für die Jahre seit 1995 vom Statistischen Bundesamt neu berechnet worden. Inzwischen stehen nämlich getrennte Baupreisindizes für West und Ost zur Verfügung, was sich speziell für die neuen Länder in günstigeren Ergebnissen der realen Bauentwicklung niederschlägt. Entsprechend sind die saisonbereinigten Zahlen der Bundesbank rückwirkend korrigiert worden, was jedoch im wesentlichen nur für das Niveau, weniger für den Verlauf der Reihen von Bedeutung ist. Nach wie vor bleibt die Baunachfrage schwach. Während sie im Februar im Westen auf niedrigem Niveau stagnierte, bröckelte sie im Osten erneut ab. Auch die Ifo-Umfrage gibt wenig Anlass zu Optimismus: Trotz geringfügiger Verbesserung im März blieb das Bau-Geschäftsklimas tief im negativen Bereich.

Der Dreimonatszins Euribor setzte im März seinen Anstieg vom Vormonat fort und kletterte von 3,54 auf 3,75 %. Nach der jüngsten Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank dürfte ein weiterer Anstieg programmiert sein. Dagegen gab die durchschnittliche Umlaufrendite festverzinslicher Wertpapiere im März von 5,4 auf 5,3 % leicht nach, womit die Differenz zwischen lang- und kurzfristigen Zinsen sich weiter auf 1,6 Punkte ermäßigte. Diese Tendenz entspricht der Erwartung im Frühjahrsgutachten, in dem von einer weiteren Verringerung der Zinsdifferenz - bei allerdings insgesamt steigendem Zinsniveau - ausgegangen wird.

Konjunkturell würde dies tendenziell dämpfend wirken, was jedoch bei der inzwischen robusten Konjunkturlage unproblematisch wäre. Die aktuelle Entwicklung des Handelsblatt-Frühindikators und des Konjunkturbarometers Ost lässt jedenfalls keine Anzeichen für eine Abschwächung oder gar Gefährdung des Aufschwunges erkennen. Vielmehr deuten beide Indikatoren auf eine weiterhin dynamische, sich aber nicht überhitzende Konjunkturentwicklung hin. Nachdem auch die Lohnpolitik bisher Maß gehalten hat, stehen die Chancen für einen weitgehend spannungsfreien Aufschwung nach wie vor gut.

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