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02.01.2003

10:08 Uhr

Chef des IT-Dienstleisters Datev bedient sensible Kundschaft

McDonald’s-Fan mit großen Ambitionen

VonJoachim Hofer , Handelsblatt

Das Büro so groß, dass er in einer freien Minute den Golfschläger auspacken und beim Einlochen entspannen könnte. An den Wänden moderne Kunst, der Schreibtisch mit dem frischen Blumenstrauß üppig, so dass drei Sachbearbeiter Platz hätten. Keine Frage: Der Arbeitsplatz des 49-jährigen Dieter Kempf ist der eines Chefs, in dessen Unternehmenskasse jedes Jahr mehr als eine halbe Milliarde Euro fließen: Kempf führt die Nürnberger Datev eG, einen der größten IT-Dienstleister Deutschlands.

Rückblende. Rückkehr in eine Zeit, in der Kempf schon froh war, wenn er zu Schichtbeginn einen freien Haken an der Garderobe fand. Denn am Anfang der steilen Karriere stand eine bescheidene Anzeige in einem Münchener Lokalblatt: "Hamburger-Restaurant sucht Arbeitskräfte." Dieter Kempf erinnert sich noch gut, wie er im Herbst 1971 als 18-Jähriger im ersten deutschen Lokal der amerikanischen Fast-Food- Kette McDonald?s anheuerte: "Ich war wahrscheinlich die Nummer drei, die sie in Deutschland eingestellt haben."

Kempf war als Mann der ersten Stunde dabei, als die Fritteusen angeliefert wurden, er hatte Tische ausgepackt und miterlebt, wie die Leute dem Restaurant im Münchener Arbeiterviertel Giesing wider Erwarten von Anfang an die "Türen eingerannt haben". Der Datev-Chef hat kein Problem damit, über seine sieben Jahre bei McDonald?s zu reden. Er scheute sich nicht einmal, im vergangenen Sommer in Anzeigen für die Amerikaner zu werben. Ganz unbefangen gibt der Diplomkaufmann sogar zu: "Man sieht mich ab und zu in Restaurants von McDonald?s. Das ist schließlich ein brillantes Unternehmen."

In fünfeinhalb Jahren zum Filialleiter

In fünfeinhalb Jahren hatte es der gebürtige Münchener neben dem Studium zum Filialleiter gebracht. Dann wechselte er für anderthalb Jahre in die Verwaltung - "weil sich Schichtdienst und Diplomarbeit nicht vertragen haben". Damit war aber noch nicht Schluss mit der deutsch-amerikanischen Verbindung. Nach dem Uni-Abschluss ging der Bayer zur Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Young - und nahm in den folgenden Jahren die Bilanzen von McDonald?s-Deutschland unter die Lupe.

Dass der umtriebige Manager dennoch eines Tages die Finger von Hamburgern ließ, lag vor allem an einem verlockenden Angebot aus Nürnberg. "Ich war völlig überrascht, als die Datev mich wollte", gibt Kempf zu. Noch besser: Der verheiratete Vater einer Tochter wurde gleich in den Vorstand bestellt. Und 1996, nur fünf Jahre nach dem Start bei dem IT-Dienstleistungs-Spezialisten für die Zünfte der Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte, gelang ihm sogar der Sprung an die Spitze der Genossenschaft.

Was jahrelang wie ein Job in der Abstellkammer der High-Tech-Industrie aussah, entwickelte sich in der Krise zu einer begehrten Position. Denn die von den Stars der Dotcom-Blase einst nur müde belächelte Datev präsentiert sich dieser Tage als Hort schmalen, aber verlässlichen Gewinns, während viele Wettbewerber mit tiefroten Zahlen kämpfen. "Mit 3,7 Prozent Wachstum habe ich Ende der 90er-Jahre manchmal auf Konferenzen nicht mal einen Gesprächspartner gefunden", amüsiert sich Kempf heute über die Auswüchse der Internet-Euphorie. Doch seine Firma hat im Gegensatz zu vielen anderen Unternehmen auch 2002 noch zugelegt.

Datex lässt keinen Raum für große Sprünge

Nicht, dass den ehrgeizigen Manager die kühlen Reaktionen der informationstechnischen Avantgarde damals nicht geschmerzt hätten - der Datev-Boss ist keiner, der allem Neuen abhold wäre. Ganz im Gegenteil. Seinen Mitgliedern will er möglichst schnell schmackhaft machen, mit dem Internet Geld zu verdienen. Doch die Beschränkung auf die drei Berufsgruppen und ein erst am Anfang stehendes Auslandsengagement lassen der Datev einfach keinen Raum für große Sprünge.

Kempf lässt dennoch keinen Zweifel daran, dass er hoch hinaus will. Mitarbeiter beschreiben ihn zwar als offen, zugänglich und humorvoll. Doch er sagt auch von sich selbst: "Das Wort zufrieden kommt bei mir nicht allzu oft vor." Deshalb sind die Tage zu zählen, an denen sich der Bayer nicht dem Geschäft widmet, sondern sich auf sein Motorrad schwingt oder zum Skifahren in die Abgeschiedenheit von Obergurgl in den Tiroler Bergen flüchtet.

Einen Termin aber hält sich der gebürtige Münchner, dem man keinen bayerischen Akzent anhört, in jedem Fall frei: "Ein, zwei Mal gehe ich immer aufs Oktoberfest - bevor die Lederhose verkümmert." Schließlich ist es für keinen Oberbayern gerade leicht, wenn es ihn ins Frankenland verschlägt. Nur gut, dass McDonald?s dort genauso schmeckt wie in München.

VITA

Dieter Kempf wird am 10. Januar 1953 in München geboren. Vorübergehend fährt er neben der Schule Lastwagen, dann heuert er im ersten deutschen Lokal von McDonald?s an. Parallel zum Studium arbeitet er sich zum Filialleiter hoch. Nach dem Abschluss als Diplomkaufmann an der Uni München wechselt Kempf 1978 zum deutschen Ableger der US-Wirtschaftsprüfergruppe Arthur Young. 1991 geht der verheiratete Vater einer Tochter zur Datev eG nach Nürnberg. Im Vorstand der Genossenschaft ist er zuständig für die Produkt- und Softwareentwicklung. Im Juli 1996 wird er zum Vorsitzenden des Vorstands ernannt. Die Datev bietet ihren 38 000 Mitgliedern spezielle IT-Dienstleistungen an.

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