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29.01.2003

19:03 Uhr

Chemierückstände im Wasser stören das Hormonsystem

Ozon zerstört Chemikalien und Medikamente im Abwasser

VonSOPHIE DEBUS

Rückstände von Chemikalien und Medikamenten gelangen ins Trinkwasser. Sie stehen im Verdacht, Unfruchtbarkeit und Missbildungen auszulösen. Ozon soll den giftigen Cocktail künftig unschädlich machen.

KÖLN. Mitarbeitern des Düsseldorfer Unternehmens Wedeco AG Water Technology ist es gemeinsam mit Wissenschaftlern gelungen, endokrine Substanzen im Abwasser nachzuweisen. Das sind Stoffe mit einer (unerwünschten) Wirkung auf das Hormonsystem, die zunehmend als Rückstände von Medikamenten, der Antibabypille oder Pestiziden im Trinkwasser gefunden werden. Bei einem Pilotprojekt in einer Braunschweiger Kläranlage haben sie außerdem ein Verfahren getestet, das die schädlichen Stoffe bereits in der Anlage zerstört.

Endokrine Substanzen wirken auf das Hormonsystem von Menschen und Tieren ein. Wissenschaftler vermuten, dass sie Missbildungen und Fruchtbarkeitsstörungen auslösen, zum Beispiel die Spermienzahl verringern. Zweifelsfrei bewiesen sind diese Wirkungen auf den Menschen noch nicht. "Bei Tieren hingegen sind die Schädigungen durch endokrine Substanzen eindeutig belegt", sagt Achim Ried, Forschungsbereichsleiter der Wedeco AG. So haben britische Wissenschaftler in Flüssen, in die diese Substanzen über das Abwasser von Kläranlagen gelangt sind, männliche Forellen entdeckt, die weibliche Geschlechtsmerkmale entwickelt haben.

Die bekannteste endokrine Substanz ist Nonylphenol, ein Abbauprodukt von Industriechemikalien, mit denen beispielsweise Haushaltsreiniger hergestellt werden. Gelangt der Stoff in die Umwelt, dann wird er über einen langen Zeitraum zu schwer abbaubaren Kohlenwasserstoffverbindungen umgesetzt. Diese gelangen schließlich über das Abwasser in Flüsse und Meere, sammeln sich im Klärschlamm und im Boden.

Und das ist ein Problem - zum Beispiel für Trinkwasser. "In der Trinkwasseraufbereitung wird vermehrt gereinigtes Abwasser benutzt, weil die Wasserressourcen weltweit immer knapper werden", erläutert Thomas Ternes von der Universität Mainz. Ternes ist Leiter des EU-Projekts "Poseidon". Hier arbeiten Forscherteams aus sieben europäischen Staaten an Verfahren, mit denen endokrine Substanzen in Kläranlagen und Wasserwerken zerstört werden können. Ternes: "Wir brauchen dringend Technologien, die solche Stoffe bereits in der Abwasserreinigung eliminieren."

Wissenschaftler von Poseidon und vom Wiesbadener Institut für Wasserforschung und Wassertechnologie waren auch bei dem Test des Wedeco-Analyseverfahrens in der Braunschweiger Kläranlage dabei. "In dem Wasser, das aus der Kläranlage kam, wurden mehr als 40 verschiedene endokrine Substanzen entdeckt", berichtet Achim Ried von Wedeco. "Mit unserem Verfahren konnten 30 davon vollständig eliminiert werden." Die Düsseldorfer setzen dabei auf die so genannte Ozon-Oxidation, bei der gasförmiges Ozon in das Kläranlagenabwasser geleitet wird. Das Gas zerstört alle organischen Verbindungen. Das Wedeco-Verfahren ist - als erstes in Europa - zum Patent angemeldet.

Bis zur Patentreife gediehen ist mittlerweile auch eine optimierte Technologie der Düsseldorfer, mit der auch jene Substanzen zerstört werden, die durch die Ozon-Oxidation nicht abgebaut werden: eine Kombination aus Ozon und anschließender Bestrahlung mit UV-Licht. "Das Verfahren ist hochwirksam", sagt Rolf-Dieter Wilken, Leiter des Instituts für Wasserforschung und Wassertechnologie. "Zwar könnte man auch Bakterien auf die Hormonreste ansetzen. Aber das wäre nicht effektiv, denn Bakterien fressen alles, was ihnen vor die Nase kommt."

Noch gibt es keine Gesetze, die Kläranlagenbetreiber dazu verpflichten, endokrine Substanzen im Abwasser zu zerstören. "Wenn aber endgültig nachgewiesen ist, dass diese endokrinen Stoffe schädlich für Menschen sind, dürfte sich das schnell ändern", ist sich Achim Ried sicher. Aber auch heute schon, so Ried, zeigen Betreiber von Kläranlagen aus ganz Europa Interesse an der Kombination aus Ozon- und UV-Technologie. Denn die Anlagen können nicht nur die endokrinen Substanzen abbauen: Sie desinfizieren und reinigen Abwässer so zuverlässig, dass alle Anforderungen der EU an das Trinkwasser eingehalten werden.

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