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14.01.2002

16:53 Uhr

Chloramphenicol kann Knochenmark angreifen

Verbotenes Antibiotikum in Tierfutter entdeckt

Schweine und Geflügel in Deutschland sind nach Angaben der Agrarbehörden möglicherweise mit belastetem Fischmehl gefüttert worden. Das Tierfutter könne das bei Nutztieren verbotene Antibiotikum Chloramphenicol (CAP) enthalten, teilte Niedersachsens Agrarminister Uwe Bartels (SPD) am Montag in Hannover mit.

Reuters HANNOVER. Nach seinen Worten sind im vergangenen November 27 Tonnen mit dem Stoff kontaminierter Shrimps aus Asien, die eigentlich in den Niederlanden hätten vernichtet werden sollen, illegal als Fischabfall an eine Firma in Cuxhaven geliefert und dort zu Fischmehl verarbeitet worden. Das Bundesverbraucherschutzministerium bestätigte dies und räumte Versäumnisse ein.

Nach Information durch niederländische Behörden am 27. Dezember über die möglicherweise unrechtmäßige Verwendung der antibiotikahaltigen Shrimps seien diese Angaben erst am 8. Januar weitergeleitet worden, teilte das Ministerium mit. Niedersachsen prüft unterdessen nach Bartels' Worten, ob und wie viel des fraglichen Fischmehls an Tierfutterhersteller oder Agrarbetriebe ausgeliefert wurde. Am kommenden Mittwoch sollen erste Ergebnisse vorliegen. Sollten Rückstände des Antibiotikums in Tieren festgestellt werden, würden diese aus dem Verkehr gezogen, sagte der Minister. Er schloss eine Tötung der betroffenen Bestände nicht aus.

Das Antibiotikum CAP kann beim Menschen das Knochenmark angreifen und zu Störungen der Blutbildung führen. Das Medikament ist seit 1994 in der Europäischen Union (EU) für Tiere verboten, die in die Nahrungskette des Menschen gelangen.

Bartels kritisierte die Informationspolitik sowohl der niederländischen Behörden als auch des Berliner Ministeriums. In den Niederländen sei der Verdacht, dass eine Recyclingfirma in Volendam die für den menschlichen Verzehr bestimmten Shrimps nicht ordnungsgemäß entsorgt habe, bereits am 6. Dezember aufgekommen. Das Bundesministerium habe nach seiner Kenntnis bereits am 20. Dezember davon Kenntnis erhalten. Bartels forderte ein EU-weites Alarmsystem nicht nur für Lebensmittel, sondern auch für Futtermittel.

Das Bundesministerium hat nach Angaben von Staatssekretär Alexander Müller bereits eine Untersuchung eingeleitet, um die Gründe für die Verzögerung zu klären. Die Umleitung der belasteten Shrimps in die Futtermittelwirtschaft zeige aber auch die Notwendigkeit eines europäischen Schnellwarnsystems.

Nach Angaben des Agrarministeriums in Hannover waren die in Tiefkühlbeuteln gelieferten Shrimps aus Asien im Herbst bei Importkontrollen in den Niederlanden aufgefallen und auf Anweisung der EU-Kommission aus dem Verkehr gezogen worden. Statt sie zu vernichten, habe die Firma in Volendam aber lediglich die Plastikverpackungen entfernt und die Meeresfrüchte an eine Firma für Fischabfälle in Ijmuiden weitergeleitet. Von dort seien die 27 Tonnen Shrimps in einer Gesamtlieferung von 188 Tonnen Fischabfällen per Lkw nach Cuxhaven gebracht worden.

Gegen die Recyclingfirma ermittelt Bartels zufolge die niederländische Staatsanwaltschaft. Anlass für strafrechtliche Ermittlungen in Deutschland gebe es zurzeit nicht. Den bekannten Unterlagen zufolge sei davon auszugehen, dass die Fischmehlfirma in Cuxhaven keine Kenntnis von der falschen Deklaration hatte, sagte Bartels.

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