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03.01.2008

08:47 Uhr

City Talk

Krise der Werte

VonMichael Maisch

In Zeiten der Krise werden gerne alle vertrauten Werte in Frage gestellt. Doch ohne geborgtes Geld gäbe es keinen Kapitalismus, das Geld anderer Leute ist der Treibstoff für eine dynamische Marktwirtschaft. Im Mittelpunkt der Krise an den Kreditmärkten stehen die modernen Finanzinstrumente - doch die haben durchaus ihren Sinn.

"In geborgtem Geld liegt kein "Segen", warnte bereits im 19. Jahrhundert der Schweizer Dichter Gottfried Keller. Angesichts der Verwerfungen an den internationalen Kreditmärkten könnte man meinen, dass dem sparsamen Eidgenossen die früheste Vorhersage der aktuellen Subprime-Krise gelungen ist.

Tatsächlich ist Kellers moralisches Bonmot aber vor allem eines: Naiv. Denn ohne geborgtes Geld, vulgo Kredit, gäbe es keinen Kapitalismus. "Other Peoples Money", das Geld anderer Leute, ist der Treibstoff für eine dynamische Marktwirtschaft und am effektivsten wird dieses Schmiermittel über die Kapitalmärkte im System verteilt - oder?

In Zeiten der Krise werden gerne alle vertrauten Werte in Frage gestellt, und so fürchten derzeit nicht nur Londoner Banker, dass die Verwerfungen an den Kreditmärkten das etablierte angelsächsische Wirtschaftsweltbild nachhaltig unterminieren könnte. Kann man angesichts der täglichen Katastrophenmeldungen wirklich noch an die dynamische und gleichzeitig stabilisierende Kraft der immer komplexer und abstrakter werdenden Kapitalmärkte glauben? Immerhin haben sich an diesen Märkten innerhalb von nur zehn Jahren gleich zwei riesige Spekulationsblasen aufgebläht. Kaum waren die Scherben der Dot-Com-Krise zusammengekehrt, braute sich am Horizont auch schon der Subprime-Sturm zusammen. Droht nach dem ungeheuren Innovationsschub, der die Finanzmärkte in den vergangenen Jahren so sehr verändert hat, jetzt der große Backlash?

Das wäre schade, denn die modernen Finanzinstrumente, die im Mittelpunkt der Krise stehen, haben durchaus ihren Sinn. Kreditderivate sind an und für sich kein Teufelszeug, im Gegenteil - die Erfindungskraft der Finanzingenieure war einer der treibenden Kräfte hinter dem dynamischen Aufschwung der Weltwirtschaft in den vergangenen Jahren. Nach der Krise brauchen die Märkte sicher tiefgreifende Reformen. Was sie genau so sicher nicht gebrauchen können, ist eine neokonservative Revolution.

Eine Rückbesinnung auf die "guten alten Zeiten" wäre wahrscheinlich noch nicht einmal im Sinne des Schweizer Dichters Keller. Denn abgesehen vom Thema Geld stand der Schriftsteller durchaus für moderne liberale Werte.

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