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03.02.2003

08:58 Uhr

Columbia-Absturz

Analyse: Verwundbares Amerika

VonTorsten Riecke

Nach dem Absturz der Raumfähre Columbia stehen die USA wieder unter Schock: Amerika spürt seine Verwundbarkeit und fragt sich: Wie konnte das passieren? Warum wurde es nicht verhindert?

Wieder sind es die Fernsehbilder einer nationalen Katastrophe am blauen Himmel, die sich ins Bewusstsein der Amerikaner eingraben. So war es vor 17 Jahren, als die Raumfähre Challenger schon beim Start auseinander brach. So war es am 11. September 2001, als die Twin Towers des World Trade Centers zusammenbrachen. Und so war es auch am Samstagmorgen, als wiederum eine Raumfähre, diesmal die Columbia, über Texas explodierte und ihre sieben Astronauten mit in den Tod riss. Wieder steht Amerika unter Schock, spürt seine Verwundbarkeit und fragt sich: Wie konnte das passieren? Warum wurde es nicht verhindert?

US-Präsident George W. Bush hat in seiner stark religiös gefärbten Trauerrede versucht, mehr Trost als Antworten zu geben: "In einem Zeitalter, da der Flug ins All fast zur Routine geworden ist, übersehen wir leicht die Gefahren von Reisen per Raketen." Tatsächlich hat sich die Welt so an den Pendelverkehr ins All gewöhnt, dass viele erst durch den Feuerball am texanischen Himmel davon erfuhren, dass sieben Menschen erneut eine gefährliche Reise in den Orbit unternommen hatten.

Insbesondere für das technikgläubige und stets optimistische Amerika ist der Absturz der Columbia ein harter Schlag. Trifft die Katastrophe die Nation doch zu einem Zeitpunkt, da ihre Befindlichkeit ohnehin von Zweifel, Sorge und Ungewissheit bestimmt wird. Die Nachwirkungen der Terroranschläge auf New York und Washington sind noch überall zu spüren. Es ist kein Zufall, dass in den ersten Minuten nach der Explosion der Columbia der Verdacht eines neuen Terrorschlags aufkam. Die Amerikaner wissen seit dem 11. September um ihre Verwundbarkeit im eigenen Land. Zudem wächst die Sorge vor kriegerischen Auseinandersetzungen in Übersee. Nordkorea verstärkt seine atomaren Drohungen, ein Krieg mit dem Irak scheint unausweichlich. Zehntausende von Familien haben in den vergangenen Wochen unter Tränen Abschied genommen von Männern und Frauen, die in die Golfregion entsandt wurden. So entschlossen die politische Führung in Washington auch erscheinen mag, Amerika ist emotional noch nicht auf einen womöglich verlustreichen Waffengang vorbereitet - und viele Amerikaner sind wohl auch noch nicht von seiner Notwendigkeit überzeugt.

In diese aufgewühlte, diffuse Gefühlslage hinein kommen die Fernsehbilder vom Absturz der Columbia, die den Tod von sieben Menschen und das Leid ihrer Familien live in fast jedes amerikanische Haus bringen. Wer am Samstag die unheimliche Stille in Supermärkten, Cafés und Bäckereien gespürt hat, kann die emotionale Wirkung dieses Schocks erahnen.

Präsident Bush wird nach der Tragödie vom Samstag noch mehr Zeit und Mühe darauf verwenden müssen, die Amerikaner von der Notwendigkeit eines Irak-Krieges zu überzeugen. Bislang verlässt sich Bush auf seine Strategen im Pentagon, die ihm einen schnellen Sieg mit geringen eigenen Verlusten versprechen. Verläuft alles nach Plan, werden die Amerikaner ihrem Präsidenten folgen. Geht es schief - und der Absturz der Columbia zeigt, dass trotz der besten Planung und Technik immer etwas schief gehen kann -, wird Amerika wieder fragen: Wie konnte das passieren? Warum wurde es nicht verhindert?

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