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04.08.2000

17:00 Uhr

Comic Vorveröffentlichung im Internet

„Mäuse“-Preview im Internet

VonJENS-CHRISTIAN KNETSCH

Die Veröffentlichung des Internet-Buches "The Plant" (Die Pflanze) des amerikanischen Gruselautors Stephen King hat die Grundsatzfrage nach der "digitalisierten Literatur" auch in Deutschland neu entfacht. Auch deutsche Autoren finden den Weg ins Netz.

Die Uli Stein-Maus geht online

Die Uli Stein-Maus geht online

King verbreitete seine neueste Erzählung einzig und allein im Internet, was gerade die Welt der Verleger erschütterte. Der fast 70 Seiten umfassende Roman wurde allein am ersten Tag über 400 000 Mal abgerufen. Mit einer Download-Gebühr von circa 5 DM denkt der Krimi-Autor nun nicht mehr daran, sein Werk als Buch zu veröffentlichen. Bereits mit der Internet-Novelle "Riding the Bullet" hatte King Aufsehen erregt.



In die Szene ist Bewegung gekommen

"Es ist Bewegung in die Szene gekommen, die lange die Marktchancen der elektronischen Medien nicht gesehen hat", befindet auch Wolfram Göbel, ehemaliger Verleger des Ullstein-Verlages. Daran ist er allerdings nicht ganz unschuldig. Göbel, seit Anfang Juni mit seinem Online Angebot bod.de (Books On Demand) im Netz, hat in Zusammenarbeit mit dem Buchgroßhändler Libri die wirtschaftliche Produktion von literarischen Werken revolutioniert. Das Besondere an seinem Projekt ist, dass ab sofort jeder Autor ohne hohe Kosten ein Druckwerk veröffentlichen kann. Der Clou: Das Werk wird erst dann gedruckt, wenn es ein Kunde bei libri.de oder bod.de bestellt. Bislang hat Göbel rund 30 Titel junger Autoren in seiner Bibliothek zur Verfügung.

Etwas ähnliches beabsichtigt auch der US-Verlag Random House. 20 Belletristik- und Sachbuchtitel sollen ab dem nächsten Jahr ausschließlich im Internet publiziert werden. Wie bei Stephen King, so wird auch bei Random House eine Download-Gebühr vom User verlangt. Die Werke werden nicht mehr im Handel erhältlich sein. Laut Auskunft des Verlages ist die Veröffentlichung von 100 weiteren klassischen Werken geplant.

Einen neuen Weg der Buchpräsentation geht auch der Comic-Autor Uli Stein. Auf einer Pressekonferenz am Freitag dem 11. August 2000, wird der Cartoonist sein neuestes "Mäuse"-Werk dem breiten Publikum vorstellen. Die Präsentation wird mittels Webcam beim Internetbuchhändler buch.de via Real-Player und Quick-Time übertragen. Ab 11:00 Uhr verspricht der Veranstalter eine live-Übertragung im Internet, wobei auch die anschließende Fragerunde mit Vertretern der Presse gesendet werden soll. "Eine Preview auf einige Cartoons ist bereits seit Beginn der nächsten Woche möglich", verspricht Hendrik Runte vom Veranstalter PAD-Werbeagentur. Jeden Tag bis zur Buchveröffentlichung, wird ein neues Bild aus dem aktuellen Cartoon ins Netz gestellt. "Ob es zudem noch eine Bilderpräsentation in Form einer "Slide-Show" geben wird, muss noch mit dem Autor abgeklärt werden", so Runte. "Auf jeden Fall", verspricht Runte, "bekommt das Internet-Publikum einen kleinen Vorgeschmack auf das neue Werk von Herrn Stein". Den genauen Termin für die Preview konnte er allerdings noch nicht nennen.



Auch deutsche Schriftsteller entdecken das Internet

Nachdem Autoren in den Vereinigten Staaten bereits vor Monaten auf eigenen Webseiten ihre literarische Werke anboten, entdecken auch deutsche Schriftsteller mit zunehmender Tendenz das Internet als neue öffentliche Plattform. Ein Zusammenschluß verschiedener Autoren finden Literaturfreunde auf den Seiten www.ampool.de. Via Internet werden nun alte und zum Teil auch neue Werke der Autoren dem Leser zur Verfügung gestellt. Allerdings publizieren überwiegend nur "junge" Autoren über dieses Medium. Das Angebot von ampool.de bietet den Autoren die Möglichkeit, ihre Ideen und Werke online zu präsentieren. Die Gründe für den bislang verhaltenen Auftritt deutscher Autoren liegen laut der ampool-Autorin Carmen von Samson-Himmelstjerna woanders. "Die deutschen Autoren, die sich ins Netz trauen, sind eher jünger, abenteuerlustig und haben nicht diese große Fangemeinde wie zum Beispiel Stephen King. Aber ich bin überzeugt: wenn Ingrid Noll ins Netz ginge, dann müßte sich auch der Diogenes-Verlag ganz schön umgucken".



Auch "Junge Wilde" basteln an eigenen Websites

Das wesentliche an der digitalisierten Literatur ist die berechenbare Größe der Internet-User. Von einer riesigen Fangemeinde á la King können deutsche Autoren bislang nur träumen. Dennoch erliegen einige Autoren bereits der Versuchung, sich im Netz zu präsentieren, sogar mit dem einen oder anderen Erfolg. Während die beiden "Jungen Wilden" Benjamin von Stuckrad-Barre und Christian Kracht eifrig an ihrer Internet-Präsenz basteln, können Rainald Goetz und Heiner Link als einige der wenigen deutschsprachigen Autoren bereits eine feste Präsenz im Internet vorweisen. Beide Angebote leben von der Lebendigkeit und der Aktualität dieses Mediums. Seit 1998 veröffentlicht Rainald Goetz auf seinen Internetseiten das Tagebuch "Abfall für alle" (www.rainaldgoetz.de). Link hingegen befasst sich mit der Zusammenstellung eines Internet-Romans (www.heinerlink.de). Er verfasst demnach ein Stück mit 52 Kapiteln, jede Woche ein neues Kapitel. "Literarische Autoren, die in der Regel einer breiteren Öffentlichkeit nicht bekannt sind, ist es kaum möglich, dass Internet kommerziell zu nutzen", so Link. "Trotz relativ hoher Zugriffszahlen (zuletzt 8000/Monat), hat sich zum Beispiel meine Homepage nicht oder kaum auf den Verkauf meiner Bücher ausgewirkt", bestätigt der Autor auf Anfrage. Er sieht für sich zur Zeit keine Notwendigkeit im Internet zu publizieren: "Meine Texte im Netz kommerziell anzubieten, macht derzeit noch keinen Sinn".

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