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22.02.2002

17:40 Uhr

Commerzbank-Experten: Jetzt selektiv kaufen

Dax-Ausblick: Noch keine Kur gegen "Enronitis"

Die Aktienmärkte waren auch in dieser Woche von großer Verunsicherung geprägt. Der Schock auf Grund der fragwürdigen Bilanzierungspraktiken einiger amerikanischer Unternehmen sitzt weiter tief. Von dieser "Enronitis" sind auch die europäischen Märkte betroffen, obwohl ein Zusammenhang zwischen der Bilanzierung amerikanischer und europäischer Unternehmen nicht besteht.

HB/rtr DÜSSELDORF. Der charttechnische Abwärtstrend ist nach Ansicht der Frankfurter Commerzbank hierzulande weiter intakt. Solange der Dax nicht signifikant über die Marke von 5 000 Punkten springe, werde der Abwärtsdruck auch weiter anhalten, schreiben die Analysten in ihrem Börsen-Ausblick. Die Märkte befänden sich jedoch bereits in der Konsolidierung, heißt es, zumal sich die Rahmendaten deutlich verbessert hätten: zahlreiche volkswirtschaftliche Indikatoren signalisierten Erholung, der Ölpreis habe sich auf niedrigem Niveau stabilisiert und viele Unternehmen hätten ihre Kosten durch den Abbau von Personal und Lagerbeständen gestrafft.

In den kommenden Wochen geht es jetzt darum, diese positiven Anzeichen zu bestätigen, um das Vertrauen der Anleger wieder zu gewinnen. Dennoch bleibt aus technischer Sicht das Umfeld zunächst eher kritisch. Anleger sollten sich jedoch nicht von den teilweise starken Index-Schwankungen beeinflussen lassen, rät die Commerzbank - und ist sich sicher: "Der Dax wird in den nächsten Wochen seinen Boden finden".

Daher sei nun der Zeitpunkt gekommen, um selektiv Positionen aufzubauen. Trotz einer deutlich gekürzten Dividende biete sich dem mittelfristig orientierten privaten Anleger auf Grund des hohen Substanzwertes vor allem die Daimler-Chrysler -Aktie zum Kauf an, heißt es.

Händler: Dax bleibt labil und angeschlagen

Die Aktienmärkte werden die vermutlich auch in der kommenden Woche aufhellenden Konjunkturindikatoren aus den USA und Deutschland wohl weitgehend ignorieren. Das Makro-Umfeld werde sich weiter verbessern, hieß es bei den Analysten von HSBC Trinkaus & Burckhardt. Fondsmanager Carsten Hilck von Union Investment sagte: "Die Frühindikatoren signalisieren zwar eine Erholung, aber der Markt will bessere Gewinne bei den Unternehmen sehen."

"Bei 4 700 sollten wir einen Boden haben", sagte ein Aktienhändler. Insgesamt werde aber das labile fundamentale Umfeld der Firmen und die angeschlagene Markttechnik eine nachhaltige Aufwärtsbewegung behindern, sagte DZ Bank-Analyst Heinz Weyershäuser: "Für den Gesamtmarkt kann noch immer keine Entwarnung gegeben werden". Auch die HSBC-Experten gehen vor April nicht von einer Trendwende aus.

Thyssen-Krupp und Linde im Fokus

Im Blickpunkt dürften Papiere des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp stehen, der am Dienstag Quartalszahlen vorlegen will. "Die Stahlpreise sind auf einem historischen Tief", sagte Fondsmanagerin Susan Dreyer von DWS. "Der Sektor macht sehr schwere Zeiten durch, erholt sich aber langsam. Das wird sich aber noch nicht in den Zahlen widerspiegeln." Von Reuters befragte Analysten rechnen für das erste Quartal 2001/02 im Schnitt mit einem Verlust vor Steuern von 43,92 Mill. ? nach einem Gewinn von 356 Mill. ? im Vorjahresquartal.

Der Wiesbadener Industriegase- und Gabelstaplerkonzern Linde wird voraussichtlich am Donnerstag Zahlen für 2001 vorlegen. Linde hatte bereits einen 7,4-prozentigen Anstieg beim Umsatz bekannt gegeben. Die Investoren werden Händlern zufolge auf eine Bekräftigung des freundlichen Gewinnausblicks achten. Analysten erwarten für 2001 durchschnittlich ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 717 (2000: 668) Mill. ?.

Die im MDax gelisteten Unternehmen Gerry Weber und Babcock Borsig werden jeweils Donnerstag ihre Bilanz erläutern. Am Neuen Markt wird der deutsch-amerikanische Technologiekonzern SCM Microsystems über die Geschäftsentwicklung 2001 berichten. Analysten rechnen bei niedrigeren Umsätzen mit einem deutlich verminderten Vorsteuerverlust.

Die "Schwergewichte", die in der kommenden Woche ihre Bilanzen vorlegen, lassen sich in zwei Gruppen aufteilen: Die US-Baumarktkette Home-Depot (26.2.), der niederländische Braukonzern Heineken (27.2.), die französische Bank BNP Paribas und das Berliner Pharmaunternehmen Schering (je 1.3.) haben in den vergangenen zwölf Monaten zweistellige prozentuale Kurssteigerungen verzeichnet. Mit Thyssen-Krupp (26.2.) und der niederländischen Finanzgruppe ING (28.2.) ging es zweistellig bergab. In einem Jahr könnte das Bild anders aussehen. Drei Beispiele: Home-Depot war Nutznießer der massiven Zinssenkungen in den USA. Denn dadurch wurden der Eigenheimbau sowie der Kauf von Gebrauchtimmobilien kräftig angekurbelt - und damit der Heimwerkerbedarf. Bei steigenden Zinsen wird der Schwung der Aktie wohl nachlassen. Thyssen-Krupp dürfte beflügeln, dass ein Anspringen der Stahlkonjunktur erwartet wird. Und Schering profitiert konjunkturunabhängig von Produkten mit hohen Margen, etwa dem Multiple-Sklerose-Mittel Betaferon.

Ifo-Index dürfte dem Markt kurzfristig Auftrieb geben

Auf der Terminliste stehen zudem zahlreiche Konjunkturdaten aus Deutschland und den USA. Der in der Regel von den Börsen viel beachtete Ifo-Geschäftsklimaindex wird am Dienstag veröffentlicht. Analysten rechnen mit weiteren Zeichen für einen Aufschwung. "Der Ifo dürfte gut ausfallen, was dem Markt helfen sollte", sagte ein Aktienhändler. "Allerdings bleibt der Markt weiterhin labil und bei den nächsten schlechten Nachrichten dürfte es auch wieder runter gehen."

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