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12.03.2003

09:30 Uhr

Computerhersteller und Unterhaltungsindustrie streiten um das System für einen neuen Wachstumsmarkt

Kampf um die Schnittstelle Wohnzimmer

VonAxel Postinett

Bei der Heimvernetzung, einem Top-Thema der Cebit 2003, stehen sich Sony und Microsoft unversöhnlich gegenüber. Für den Konsumenten beginnt jetzt die Qual der Wahl. Und der Teufel steckt wie immer im Detail.

DÜSSELDORF. Selten waren sich die Größen von PC-Industrie und Unterhaltungselektronik so einig: Die Vernetzung von Fernsehern, Computern und Heimelektronik im privaten Haushalt gilt als Wachstumsmarkt in der Unterhaltungselektronik der kommenden Jahre schlechthin. Ziel ist es, Musik, DVD oder Video digital zentral zu speichern und dann per Knopfdruck überall dort, wo es gewünscht ist, abzuspielen. Der auf der Festplatte gespeicherte DVD-Film läuft dann genauso auf dem Fernseher im Wohnzimmer wie auch auf dem Zweit-TV im Schlafzimmer.

Doch noch ist dies Zukunftsmusik, denn bislang streiten die Hersteller der Computerindustrie und der Unterhaltungselektronik über das neue geltende System: "Hier tobt zurzeit ein Kampf um einen neuen Markt, der so nur einmal alle zehn Jahre ausgetragen wird und Branchen wie die Unterhaltungselektronik, IT, Telekommunikation und Medien nachhaltig beeinflusst", meint dazu Rudy Provoost von Philips Consumer Electronics.

Auf der Cebit treffen vor allem zwei Giganten aufeinander, die sich immer häufiger auf den digitalen Märkten begegnen: Sony und Microsoft. Während sich Sony innerhalb von 15 Jahren vom Elektronikunternehmen zum integrierten Medienkonzern entwickelt hat, der seit einem Jahr auch Tischcomputer verkauft, drängt die Softwareschmiede Microsoft zunehmend in die Unterhaltungselektronik.

Microsofts Einfallstor in die Sony-Domäne Wohnzimmer ist das Betriebssystem Windows XP Media Center, das den PC zur regelrechten Multimedia-Maschine mutieren lässt. Das System wird nicht an Privatkunden verkauft, sondern nur an Computerhersteller wie Hewlett-Packard, die dann wiederum Media-Center-Computer verkaufen. Eine Aufrüstung alter PC ist also nicht vorgesehen.

Die Media-Center-Rechner sind in der Regel ausgestattet mit Infrarotschnittstellen, DVD-Spielern, TV-Karten und-Tuner, Software zur Bild- und Videobearbeitung sowie entsprechenden Ausgängen für TV und Hi-Fi-Anlagen oder um Digitalkameras anzuschließen. Die Verwaltung der Files oder den Start einer TV-Aufnahme steuert dabei die Media-Center-Oberfläche, die an die Menüstruktur eines Video- oder DVD-Rekorders erinnert.

Sony ist dagegen überzeugt, dass niemand einen lärmenden, mit diversen Lüftern und surrenden Festplatten bestückten Kasten im Wohnzimmer stehen haben möchte. Deshalb soll das TV-Gerät samt Fernbedienung - heute Alltag in mehr als 90 % der Haushalte in den Industrieländern - zentrale Schaltstelle werden. Ein "Network Media Receiver" genannter, zigarrenkistengroßer Empfänger mit Fernbedienung stellt das Bindeglied zwischen Fernseher, Server-PC und Heimelektronik dar. Der Receiver bietet, ähnlich wie das XP Media Center, eine rudimentäre, TV-ähnliche Oberfläche. Doch auch Sony hält die Reihen dicht geschlossen: Der Media Receiver läuft nur auf speziell ausgestatteten Sony-Vaio-Desktop-Rechnern.

Eine Alternative zu Sonys Receiver hat Hewlett-Packard auf der Consumer Electronic Show in Las Vegas dieses Jahr vorgestellt. Das Gerät, eine Art PC-Fernbedienung fürs Wohnzimmer, soll mit allen gängigen Computern zusammenarbeiten. Allerdings mit einer Einschränkung: Der HP Digital Media Receiver 5000 kann nur Audio und Bilder per Kabel oder WLAN verschicken. Ein ähnliches Gerät will auch Philips auf der Cebit vorstellen. Das Philips-Gerät soll aber auch direkt, ohne einen Computer, Verbindung mit dem Internet aufnehmen können, etwa um Musik zu übertragen. Nur Sony will derzeit als einziger Hersteller versuchen, auch Videos drahtlos zu übertragen.

Doch egal, welche Technologie sich am Ende durchsetzt: Dem "Connected Home" stehen noch weit schwerere Hürden entgegen als nur die Systemauswahl. Zum einen ist die Ausstattung mit Breitbandanschlüssen in den Haushalten noch mangelhaft. Ohne sie ist ein vernetztes Haus nur ein Torso. Wenn aber immer mehr Haushalte rund um die Uhr Musik und TV-Bilder aus dem Netz laden, wird der Datenverkehr dramatisch ansteigen - und damit auch die Kosten.

Darüber hinaus ist das Problem des Urheberrechts noch ungelöst. Sonys Media Receiver erlaubt beispielsweise nur eine TV-Aufzeichnung über ein normales Antennenkabel. Weder digitale Aufzeichnungen noch das Kopieren von DVD oder kopiergeschützten Musik-CD auf Festplatte sind möglich. Windows XP Media Center verschlüsselt die ankommenden TV-Daten. Die auf der Festplatte aufgezeichnete Soap kann dann auf dem Bildschirm betrachtet, aber nicht auf DVD gebrannt werden. Beide Lösungen stehen allerdings im Widerspruch zur eigentlichen Idee der Heimvernetzung.

Eine Schlüsselrolle wird also dem digitalen Rechtemanagement zukommen. Der Sicherheitsspezialist Wibu etwa will auf der Cebit den "Dongle" wieder auferstehen lassen. In Form eines geschützten USB-Memory-Sticks, auf dem die Nutzungsrechte gespeichert sind, soll er Einzug in das Internetzeitalter halten. Der Vorteil gegenüber bisherigen Softwarelösungen: Der Kunde kann seine Rechte mitnehmen, sie sind nicht mehr an einen speziellen Rechner gebunden.

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