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20.01.2003

16:59 Uhr

„Da geben Leute zum Teil viel Geld aus - teilweise für Scharlatane“

Wenn „Hasso“ auf die Couch muss

Was in USA und Großbritannien unter Haustierbesitzern längst selbstverständlich ist, schwappt zusehends nach Deutschland: Haustierpsychologie oder Tierverhaltenstherapie entwickelt sich zum Boom.

HB/dpa NÜRNBERG. Irgendwann wurden "Hassos" Unarten seinem Frauchen zu teuer. Als der Berner Sennenhund wieder einmal die kostbaren Lederpolster ihrer Luxus-Limousine zerfetzte und auch strenge Erziehungsmethoden erfolglos blieben, wandte sich die Nürnbergerin verzweifelt an Terry Brandt-Klimpel. Die Tierpsychologin wusste Rat. Nach einer genauen Analyse des Hundeverhaltens und mehreren Therapie-Stunden verlor "Hasso" jedes Interesse an dem Lederpolster. Ausfahrten mit dem Vierbeiner waren fortan wieder bedenkenlos möglich.

Was in USA und Großbritannien unter Haustierbesitzern längst selbstverständlich ist, schwappt zusehends nach Deutschland: Haustierpsychologie oder Tierverhaltenstherapie entwickelt sich zum Boom.

"Die Nachfrage ist enorm", berichtet der Vorsitzende des Verbandes der Haustierpsychologen, Professor Franzbernd Döpper. Und auch die Vorsitzende der Gesellschaft für Tierverhaltenstherapie, Ursula Bonengel, bestätigt: "Das ist ein Phänomen, das in den vergangenen zehn Jahren stark gewachsen ist."

Inzwischen tummeln sich in Deutschland einige hundert Anbieter für Therapien, die verzweifelten Hunde-, Katzen- und Pferde-Besitzern gegen satte Honorare Rat und Hilfe anbieten. Bonengel sieht viele der "selbst ernannten Tierpsychologen" mit großer Skepsis: "Da geben Leute zum Teil viel Geld aus - teilweise für Scharlatane." Beide Verbände versuchen Ordnung in den zusehends unübersichtlichen Markt der Tierpsychologie zu bringen.

So bietet die Gesellschaft für Tierverhaltenstherapie eine Art Facharzt-Ausbildung in Zusammenarbeit mit der Akademie für tiermedizinische Fortbildung (ATF) an. Beim Verband für Haustierpsychologen darf den Titel nur tragen, wer ein Studium der Ethologie (Tierverhaltensforschung) in England, Spanien oder den USA absolviert hat.

Den wachsenden Bedarf nach verhaltenstherapeutischen Rat erklärt Bonengel vor allem mit den Lebensumständen. "Die Tierhaltung im heutigen modernen Leben wird einfach schwieriger." Enge Wohnungen in verkehrsreichen Innenstädten mit wenig Grün, Schichtarbeit und Scheidungen - da blieben eben die Bedürfnisse der Haustiere auf der Strecke. Die Folge: Die Tiere reagierten gestört.

Nicht selten erweist sich nach Einschätzung der Fachleute weniger das Tier als vielmehr sein Herrchen oder Frauchen als therapiebedürftig. Verbandschef Döpper: "Der Tierpsychologe muss immer auch ein Human-Psychologe sein. Das ist aber oft sehr schwierig: Versuchen Sie doch mal einer älteren Damen nach 30 Jahren Dackel-Haltung klar zu machen, dass sie eigentlich 30 Jahre lang ihre Dackel falsch erzogen hat."

Das hält auch die Nürnberger Tierpsychologin Brandt-Klimpel für den heikelsten Teil ihrer Aufgabe. Viele Tierbesitzer projizierten Hoffnungen und Erwartungen in ihren Vierbeiner, die sie naturgemäß nicht erfüllen könnten. "Manche sehen ihren Hund oder ihre Katze als kleinen Menschen im Fell. Manche versuchen, ihr Tier sogar zum Partnerersatz zu machen", beschreibt Brand-Klimpel die Probleme.

Manchen fehle auch das Verständnis für das Wesen ihres Tieres, etwa wenn Hundebesitzer nicht Leittier, sondern Kumpel des Tieres sein wollten. Hunde nutzten solches Verhalten schnell aus und terrorisierten ihre Herrchen.

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