Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.08.2000

18:35 Uhr

Daimler-Chrysler verkauft Bahntochter an den kanadischen Bombardier-Konzern

Bahnbauer Adtranz wird zerschlagen

VonFlorian Kolf , ANDREA JOCHAM, ANDREAS MIHM, J.J. MOSKAU

Die Konsolidierung der Bahnindustrie geht weiter: Wie erwartet hat der kanadische Konzern Bombardier den Konkurrenten Adtranz übernommen. Der deutsche Hersteller wird in der heutigen Form jedoch nicht erhalten bleiben: Große Teilbereiche werden abgetrennt, die Mitarbeiter weiter reduziert.

Jürgen Schrempp

Jürgen Schrempp

DÜSSELDORF. Für 790 Mill. Euro verkauft die Stuttgarter Daimler-Chrysler AG ihre Bahntochter Adtranz an den kanadischen Bombardier-Konzern. "Wir setzen unsere Fokussierung auf das Automobilgeschäft und die damit verbundenen Dienstleistungen konsequent fort", kommentierte Konzernchef Jürgen Schrempp am Freitag die seit Wochen erwartete Transaktion.

Die zuständigen Kartellbehörden in Brüssel und Übersee müssen noch zustimmen. Entsprechende Anträge sind nach Daimler-Chrysler-Angaben noch nicht eingereicht. Nach Informationen aus dem Adtranz-Wirtschaftsausschuss erwartet man die Zustimmung spätestens in vier Monaten. Ein Sprecher von Daimler-Chrysler rechnet nicht damit, dass der Verkauf durch kartellrechtliche Auflagen gefährdet werden könnte.

Bombardier übernimmt das langjährige Sorgenkind Adtranz vorübergehend komplett. Weiterhin geplant ist jedoch eine Trennung von den Bereichen Bahnfahrwegsystemen und Signaltechnik, in denen 3 600 der 22 000 Adtranz-Beschäftigten arbeiten. Der Umsatzanteil liegt nach Adtranz-Angaben unter 20 % des Konzernumsatzes von 3,6 Mrd. Euro im vergangenen Jahr. Dem Vernehmen nach ist der französische Konkurrent Alstom an diesen Bereichen interessiert. Kommt der Weiterverkauf zu Stande, würde sich der Kaufpreis für Bombardier entsprechend reduzieren. In Montreal erklärte Bombardier-Chef Robert E. Brown unterdessen, es sei verfrüht, die Folgen der Übernahme hinsichtlich der bisherigen Partnerschaft mit der französischen Alsthom SA zu kommentieren.Noch in dieser Woche werde man nähere Angaben zur Überleitung machen. Dies vorbehaltlich der ausstehenden behördlichen Genehmigungen, etwa der Brüsseler Kartellwächter.

Bei der Finanzierung greife Bombardier hauptsächlich auf eigene Reserven zurück. Das Unternehmen hat, nach eigenen Angaben, bei einem Jahresumsatz von zuletzt 13,6 Mrd. Kan-$ langfristige Schulden von über 4,8 Mrd. Kan-$. Verfügt aber allein in Europa über ungenutzte Rahmenkredite in einer Höhe von über 2,6 Mrd. US-$. Der für den Schienenbereich zuständige President der Bombardier Transportation, Jean-Yves Leblanc gab sich hinsichtlich der Wachstumschancen optimistisch. Bis 2004 dürfte das weltweite Volumen in dieser Sparte von derzeit 25 Mrd. Euro auf gute 30 Mrd. wachsen.

Unklarheiten über Marke und rechtliche Einheit

Unklar ist, ob Adtranz als rechtliche Einheit und als Marke bestehen bleibt. Auch der Wirtschaftsausschuss von Adtranz wurde nach Angaben von Arbeitnehmervertretern nicht darüber informiert. Die Betriebsräte rechnen in jedem Fall mit weiterem Personalabbau. "Das kommt garantiert", erklärte der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Werkes Henningsdorf, Karl-Heinz Graffenberger, auf Nachfrage. Dort sind nach seinen Angaben die Überschneidungen zwischen Bombardier und Adtranz besonders groß. Auch bei der IG Metall hieß es, es stehe außer Frage, dass durch die Übernahme Arbeitsplätze bedroht seien - über die derzeit laufenden Restrukturierungsmaßnahmen bei den beiden Herstellern hinaus. Adtranz hat es nach mehreren Jahren in tiefroten Zahlen nach Daimler-Chrysler-Angaben im zweiten Quartal 2000 erstmals geschafft, in die Gewinnzone zu kommen.

Branchenfachleute beurteilen das Zusammengehen von Adtranz und Bombardier mit nur verhaltenem Optimismus. Eine weitere Reduzierung der Zahl der Hersteller war allgemein erwartet worden. Unabhängig davon aber sei entscheidend, welche Fortschritte die Restrukturierung in den Betrieben mache. "Letztlich leidet die Schienenfahrzeugindustrie weiterhin an Überkapazitäten", betont etwa Andrew F. Saxe, Bahnindustrie-Experte bei Andersen Consulting Strategic Services in Boston. "Jede Akquisition, die nicht auch mit einer Kapazitätsreduzierung verbunden ist, bringt wenig für die Industrie sowie die betroffenen Unternehmen", so Saxe.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×