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28.01.2003

08:22 Uhr

Daniel Vasella ist Chef der Novartis AG

Charmant und knallhart

VonBERT FRÖNDHOFF (Düsseldorf)

Der Novartis-Chef will immer für alle Fälle gerüstet sein. Deshalb auch Daniel Vasellas Einstieg beim Konkurrenten Roche: Er will bei Fusionsabsichten des Konzerns von vornherein gute Karten haben.

Selten endete ein Auftritt von Greenpeace so unspektakulär wie im Sommer des Jahres 2000: Da marschierten Aktivisten zum Privathaus des Novartis-Chefs Daniel Vasella. Sie bauten Lautsprecher auf, klingelten an der Tür und protestierten lauthals gegen die Umweltpolitik des Pharmakonzerns. Vasella aber blieb cool: Er kochte Kaffee und bat die Chefs der Gruppe zu sich an den Tisch, während seine Frau den wartenden Demonstranten frische Croissants reichte. Als der Novartis - Chef zusicherte, sich um die Angelegenheit zu kümmern, zogen die Umweltaktivisten zufrieden wieder ab.

Der ungewöhnliche Vorfall am sonst so ruhigen Landsitz am Zugersee spiegelt das wider, wofür Daniel Vasella steht: Der 49-jährige, sympathisch wirkende Pharmamanager ist kein Mann, der gerne zusieht und abwartet, was passiert - er handelt lieber. Und er lässt sich dabei ungern auf dem falschen Fuß erwischen. Er will stets für alle Gelegenheiten gerüstet sein.

Dies scheint auch hinter seinem jüngsten Deal zu stecken: Novartis hat im vergangenen Jahr fleißig Aktien des Baseler Konkurrenten Roche gekauft. Jetzt gab der Konzern bekannt, er besitze mittlerweile einen Anteil von 32,7 Prozent. Damit hat Vasella bei Roche zwar noch nicht viel zu sagen - auch wenn der Anteil praktisch einer Sperrminorität gleichkommt.

Doch darum geht es ihm zunächst auch gar nicht: Er will für den Zeitpunkt vorbereitet sein, wenn sich im Kern von Roche etwas verändert - der Konzern vielleicht offen für eine Fusion wird. Dann kommt an Novartis niemand vorbei. Vasella selbst gibt sich wie gewöhnlich gelassen: "Wenn Roche sich alleine gut entwickelt, profitieren wir als Aktionär davon. Wenn nicht, dann kommt das Management unter Druck."

Solche Worte klingen bei Vasella überzeugend, denn er trägt seine Ansichten stets mit Bedacht und Charme vor. Das wird auch schon Fritz Gerber festgestellt haben, der die Eigentümerfamilien des Roche-Konzerns vertritt und mit dem sich Vasella bereits mehrfach zum Austausch von Ideen getroffen hat.

Doch um Roche zu knacken, wird er mehr brauchen als Charme oder Kaffee und Croissants. Denn solange die Nachfahren des Roche-Gründers Fritz Hoffmann nicht fusionieren wollen, passiert in Sachen neuer Konzernehe in Basel nichts. Und die Nachfahren wollen bislang partout nicht.

Falls Vasella irgendwann ein solcher Deal gelänge, würde er wieder einmal seiner Rolle als Antreiber in der Pharmabranche gerecht. Der gelernte Arzt und Pharmaverkäufer schafft es 1996, aus den beiden Basler Chemiekonglomeraten Sandoz und Ciba - Geigy einen völlig neuen Pharmakonzern mit dem Kunstnamen Novartis zu schaffen. Sein Kollege Jürgen Dormann von der Hoechst AG hat die gleiche Idee, kann sie jedoch erst später mit Aventis umsetzen.

Wenige Jahre später ist Vasella wieder einen Schritt schneller: Er gibt das Life-Science-Konzept auf und fusioniert die Agrargeschäfte von Novartis mit denen des Pharmakonzerns Astra Zeneca. Dormann folgt der Strategie und verkauft die Pflanzenschutzmittel an die Bayer AG.

Vasella beschreibt sich selbst gern als Mischung zwischen Schweizer und Amerikaner. Er hängt nicht unbedingt an dem, was er geschaffen hat. "Wir müssen jeden Tag neu entscheiden, ob es richtig ist, was wir tun", sagt er. Wenn er etwas will, setzt er es meist mit harter Hand durch. Der so nett und verständnisvoll wirkende Mann ist nach eigener Einschätzung ebenso anspruchsvoll und unangenehm. "Es muss klar sein, dass es Konsequenzen hat, wenn die Leistung nicht stimmt", sagt Vasella.

Ehrgeiz und Talent haben ihn an die Spitze eines Pharmakonzerns gebracht - auch wenn stets das Gerücht ging, seine Ehe mit einer Nichte des früheren Sandoz-Chefs Marc Moret habe ihm dabei geholfen. Moret war es, der 1995 den Sandoz-Ciba-Deal eingefädelt hat. Vasella selbst hat Verständnis für solche Gerüchte. Er sagt jedoch, dass er sich auf dem Weg vom Pharmaverkäufer in den USA bis zum Konzernchef stets selbst durchbeißen musste.

Dass er auch sich selbst in Frage stellen kann, bewies Vasella gleich zu Beginn seiner Karriere: Er gab im Alter von 35 seinen Job als Oberarzt an einer Berner Klinik auf, weil ihn Wirtschaft und Politik reizten. Er trat auch den zugesagten Ausbildungsplatz an der Managerschmiede Insead nicht an, als ihm von Sandoz der Direkteinstieg in die US-Pharmabranche vorgeschlagen wurde. "Die Zukunft beginnt nicht erst morgen, sie hat schon heute begonnen", erklärt er sein Handeln. Vielleicht sieht er das im Fall Roche und Novartis ja genauso.

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