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31.01.2003

08:52 Uhr

Dank Timo Boll könnte in Deutschland sogar Tischtennis wieder populär werden

Der Goldjunge aus dem Odenwald

VonD. Hintermeier, M. Thylmann (; Frankfurt)

Tischtennis ist eine Breiten- und Randsportart. Eine, die nur selten ins Blickfeld der deutschen Öffentlichkeit gerät. Dabei stammt der Weltranglistenerste aus Hessen. Timo Boll heißt der Mann, der die Chinesen in ihrem Metier überrascht. Jetzt hofft er auf den asiatischen Markt.

Ab und an helfen ganz einfache Tricks, um gegen einen Weltranglistenersten zu punkten. Man drücke Timo Boll einen Tischtennisschläger aus grauer Vorzeit in die Hand und fordere ihn im Leistungszentrum des Hessischen Landessportbundes zum lockeren Schlagabtausch an die Platte. Ein solch altmodisches Spielgerät irritiert ihn zunächst derart, dass auch er einen Ball verschlägt. Es blieb sein einziger.

Timo Boll ist mit 21 der jüngste Weltranglistenerste aller Zeiten. Und er ist Deutscher. Passt eigentlich nicht. Denn bislang waren Deutsche nur bedingt erfolgreich: Eberhard Schöler holte 1969 mal WM-Silber im Einzel, Jörg Roßkopf und Steffen Fetzner im Jahre 1989 Gold im Doppel. Jetzt kommt Boll, besser als alle anderen und nett dazu. Keine Allüren, kein Gehabe. "Ich bin bodenständig", sagt der Odenwälder.

Dabei hätte er allen Grund, abzuheben. Denn die Naturgesetze im Tischtennis scheinen für ihn nicht zu gelten. "Er macht Karriereschritte in Sieben-Meilen-Stiefeln", sagt Manfred Schillings, Sprecher des deutschen Verbandes DTTB. Im zarten Teeniealter von 16 startete er seine furiose Karriere beim TV Gönnern, einem erfolgreichen Klub aus der hessischen Provinz. "Ich habe nach der zehnten Klasse die Schule verlassen, wollte schauen, ob ich es als Profi schaffe", erzählt Boll.

Er schaffte es. Er war Europameister bei den Schülern, in der Jugend und 2002 bei den Herren. Große Erfolge - auch dank seines üppig besetzten Umfeldes. Um Boll kümmern sich der Vereinstrainer, der Bundestrainer, zwei Konditionstrainer ("Einer ist mein Vater, ein Fitnessfanatiker"), die Ärzte und Physiotherapeuten des Leistungszentrums in Frankfurt, ein Medienberater sowie ein Manager.

In der Liga blieb er Gönnern, zurzeit auf Platz zwei der Bundesliga-Tabelle, immer treu. Auch wenn es schon besser dotierte Offerten gab. "Man muss auch seine Ehre wahren und dem Verein etwas davon zurückgeben, was man bekommen hat", sagt Boll, dessen Vertrag in Gönnern bis 2005 läuft.

Ehre, Bodenständigkeit, Ruhe, Gelassenheit. Boll ist der Anti-Kretzschmar - während der Handball-Nationalspieler mit seinem Äußerem und Sprüchen provoziert, ist Boll leise und lieb. Zu defensiv in der öffentlichen Darstellung? "Ich bin doch schon offensiv, ich nehme jede Presseanfrage wahr", antwortet Boll. Einmal war er auch bei der Blödel-Show "TV total". Moderator Stefan Raab stopfte sich Tischtennisbälle in den Mund - und wollte Gleiches bei Boll tun. "Das muss man mal durchgemacht haben", seufzt Boll.

Bei seinem Ausrüster Butterfly kommt Bolls ruhige Art hingegen an. "Er ist kein Schauspieler und Sänger, er ist Tischtennisspieler", sagt Produktmanager Taisei Imamura. "Er ist ein einfacher, netter Junge, der nur Tischtennis und seine Familie im Kopf hat." Butterfly rüstete ihn schon aus, als er elf Jahre alt war. Der aktuelle Vertrag läuft bis 2009, Boll erhält einen sechsstelligen Betrag im Jahr. Bisher werden Boll-Shirts und-Kappen nur in Europa verkauft, der Sprung nach China steht jedoch kurz bevor.

Bolls zweiter persönlicher Sponsor ist MG Technologies. Dort fungiert mit Hans Wilhelm Gäb der Ehrenpräsident des DTTB als Berater von Vorstandschef Kajo Neukirchen. Das erleichtert und erklärt einen solchen Deal. MG-Pressechef Jens Schreiber ist überzeugt, "dass Timo das Zeug zu einem kleinen Superstar im deutschen Sport hat. Sven Hannawald hat es schließlich auch geschafft". Bis 2005 ist Boll bei dem Mischkonzern, der ebenfalls Borussia Düsseldorf und das Nationalteam sponsert, unter Vertrag. Kein Wunder, dass sich Bolls steiler Aufstieg auch finanziell mehr und mehr niederschlägt. Angeblich soll sich sein Jahreseinkommen bei rund 250 000 Euro bewegen.

Aber das Ende der Fahnenstange dürfte bei dem Ausnahmetalent noch nicht erreicht sein. "Im mittelfristigen Bereich kann ich mir vorstellen, dass Timo zwischen 700 000 und 800 000 Euro im Jahr verdienen wird", rechnet sein Manager Rainer Ihle vor. Um dieses Ziel zu erreichen, will Ihle erst einmal an Bolls Popularität arbeiten. "Sein Bekanntheitsgrad in Deutschland dürfte zurzeit zwischen 30 und 40 Prozent liegen", behauptet Ihle - eindeutig zu wenig, um in der Werbung groß rauszukommen. Ein Bekanntheitsgrad von über 50 Prozent muss es schon sein, weiß der Geschäftsführer der Sportagentur ISMM.

Dafür jedoch muss das Fernsehen mitziehen. Bislang war das eher weniger der Fall. "Wir rechnen schon damit, dass ARD und ZDF Tischtennis im Fahrwasser von Timo Boll regelmäßiger verfolgen", sagt Verbands-Mann Schillings. Beim Europe-Top-12-Turnier am Wochenende zeigt immerhin das Südwest-Fernsehen eine gute Stunde. Und im morgigen ZDF-Sportstudio tritt Boll auch auf. "Sportarten brauchen Persönlichkeiten, Helden, Sieger. Und Timo ist ein Goldjunge", so Schillings. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben im Sommer 2002 einen Vier-Jahres-Vertrag mit dem Verband abgeschlossen - und zahlen angeblich eine sechsstellige Summe pro Jahr.

Die Bundesliga hingegen zahlte an das DSF, um überhaupt gezeigt zu werden. Zurzeit besteht keine Kooperation mit einem Sender. "Die Play-offs werden aber eventuell gezeigt", sagt Ligasekretär Wieland Speer. Zudem diskutieren die Vereine, ob sie nächste Saison wieder das alte DSF-Modell mit der Beteiligung an den Produktionskosten aufleben lassen sollen. Geeinigt habe man sich immerhin, die Arbeitsbedingungen für die Medien zu verbessern.

Boll-Manager Ihle will sich zudem um große Events kümmern, die für mehr Wirbel sorgen. Beispielsweise einen Kontinentalwettbewerb zwischen Europa und Asien. Das aber ist Zukunftsmusik. Timo Boll freilich hat Geduld und noch mehr Zeit. Schließlich will er erst mit 32 aufhören.

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