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20.03.2003

07:42 Uhr

Das Ahold-Debakel schockiert weit über den Aktionärskreis hinaus

Ein niederländisches Wahrzeichen bröckelt

VonSusanne Bergius (Handelsblatt)

Eine Nation ist schockiert. Binnen Stunden war der viertgrößte Konzern und einer der größten Arbeitgeber der Niederlande, der Supermarktgigant Ahold, kaum einen Pfifferling mehr wert. Kreditrating-Agenturen bewerten die Anleihen mittlerweile als "Junk Bond" - Schrottanleihen.

BRÜSSEL. Ausgerechnet Ahold, die Volksaktie Nummer Eins. Gut ein Drittel aller niederländischen Privatanleger hält Ahold-Papiere. Der materielle Schaden ist bitter. Aber der emotionale Schaden ist viel größer, denn er erstreckt sich weit über den Aktionärskreis hinaus.

Nach Lastwagenbauer DAF, Flugzeugbauer Fokker, Softwarehersteller Baan und Internetanbieter World Online bröckelt mit Ahold ein weiteres Aushängeschild der niederländischen Wirtschaft - und damit das internationale Vertrauen in sie. Das trifft die stolze niederländische Seele hart. DAF war schade, Fokker schmerzhaft, aber Ahold - wo man täglich Brot kauft - treffe viele unter der Gürtellinie, meint der Philosoph Henk van Luijk. Keiner konnte sich vorstellen, dass das Unternehmen je das Parlament beschäftigen und Ziel von Börsenprüfungen würde. Dass es Strafanzeigen und Klagen wegen Betrugs, Bilanztricks und Insider-Handels geben würde.

Ahold galt als grundsolide. Der durch die 115 Jahre alte Supermarktkette Albert Heijn groß gewordene Zaandamer Konzern hielt Versprechen zuverlässig. Viele Kunden vertrauten Albert Heijn gar ihr Spargeld an, brachten es auf ein "AH Sparbuch" und kauften Wertmarken. Rund 148 000 Stammkunden und etwa 3 500 Mitarbeiter investierten in den "AH Feste Kunden Fonds". Der legt die Hälfte der Mittel in Ahold-Aktien an. "Das hat sich gewaltig rentiert", sagt Kunde Leen Mosselman, der seit acht Jahren mitmacht. Welcher Schreck, als der Fondswert am 24. Februar schlagartig schmilzt.

Erst als Kunden massenhaft Wertmarken einlösen, informiert Ahold die 52 000 Mitarbeiter in den Niederlanden per Brief und legt blaue Faltblätter in die 700 Geschäfte: Prämien und Wert der Marken seien sicher. Mosselman geht wie die meisten Kunden gelassen an den Broschüren vorbei, er vertraut "seinem Laden" noch immer. Andere Kunden sind da weniger entspannt: Marian de Vries sagt: "Ich will wissen, was passiert." Aber der Konzern bleibt die Antwort schuldig. Und Helena de Coninck meint: "Der Chef hat geschlafen oder etwas sehr falsch gemacht."

Trotzdem bleiben die Kunden und viele Aktionäre in der Krise treu, auch wenn manche Analysten die Überlebenschancen nur 50/50 einschätzen. "Die niederländischen Privatanleger sind überzeugt, dass Ahold nicht in Konkurs geht", erklärt Bas van de Haterd, Manager von StockScore.nl, den unverändert hohen Anteil von Anlegern mit Ahold-Aktien. Für Rettung soll nun als Finanzvorstand der eigentlich schon pensionierte Dudley Eustace (66) sorgen, der zuvor schon Philips und KPN aus der Schieflage brachte. Die düpierten Mitarbeiter zeigen sich kooperativ: Sie erwägen, der Direktion anzubieten, sie solle die 1998 pro Mitarbeiter gemachte Einlage von 9 000 Euro - davon sind nur etwa 4 000 Euro übrig - per Einkaufscheck für Albert Heijn zurück geben.

Die Wirtschaft dagegen ist unruhig. Der Ahold-Tumult schade den Niederlanden, meint Direktor Jos Streppel vom Versicherer Aegon. Insbesondere der Krach zwischen Börsenaufsicht und Börse beeinträchtige weltweit den Ruf des Landes (siehe Kasten). Der Fall werde die Gesellschaft ändern, denkt Kees van Lede, Chef des Chemiekonzerns Akzo Nobel. Der Personenkult sei zuletzt "absurd" gewesen, sagte er in einem Interview.

Er meinte wohl, dass Ex-Ahold-Chef Cees van der Hoeven 2001 Manager des Jahres wurde, obwohl er durch Zukäufe rasant 12 Mrd. Euro Schulden anhäufte. Statt nach jeder Übernahme erst Schulden zu tilgen. Die Gesellschaft werde jetzt wieder "Konservativismus, Solidität und Anstand" schätzen lernen, hofft Lede.

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