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19.02.2002

18:00 Uhr

Das deutsche Eishockey-Team hat bei Olympia bereits alle Erwartungen übertroffen – vor allem die des Trainers

Schlachtfest beim früheren Metzger

VonErich Ahlers (Handelsblatt)

Der Star ist der Trainer. Hans Zach ist der markante Kopf des deutschen Eishockey-Nationalteams, das in Salt Lake City Werbung in eigener Sache betreibt. Der 52-Jährige redete die Chancen seiner Mannschaft immer klein - doch sie schaffte den Einzug ins Viertelfinale in der Nacht zu Donnerstag gegen die USA.

Hans Zach. Foto: dpa

Hans Zach. Foto: dpa

SALT LAKE CITY. Zackig geht?s bei ihm zu. Die Antworten kommen manchmal wie im Stechschritt. Sind sie zufrieden mit der Mannschaft? "Sehr." Wie war die Leistung des Torhüters? "Gut." War das nicht ein Fehler beim zweiten Gegentor? "Na." Hans Zach heißt der Mann, der hier Auskunft erteilt. Klar, deutlich, immer auf den Punkt, zackig eben. So wie er kaut. Schiebt sich nach dem Spiel irgendetwas Essbares rein, blickt mit ganz wachem Blick in die Runde. Formt die Lippen zu einem vehementen Kreis, das Kinn nach unten geschoben. Unter den Augen intensivieren sich die Falten, die Brauen schieben sich zusammen und verstärken den ohnehin finsteren (und ziemlich zackigen) Eindruck noch einmal.

Der Trainer der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft ist ein Original und kann diese markante Rolle bei den Olympischen Spielen auf höchster Ebene ausleben. Die deutsche Öffentlichkeit blickt wieder auf eine Sportart, die sich für etliche Jahre selbst ins Abseits gecheckt hatte und erst mit der erfolgreichen Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr im eigenen Land zurückmeldete. Jetzt in Salt Lake City gelangen in der Vorrunde sogar drei Siege in Folge und die Zulassung zum Leistungsvergleich mit den ganz Großen.

Dass es in der sportlich praktisch überflüssigen Zwischenrunde Niederlagen gegen die Tschechen (2:8), Kanadier (2:3) und Schweden (1:7) gab, war erwartet worden. Nach der knappen Niederlage gegen die kanadischen Stars war Zach nicht nur "sehr stolz" auf seine Mannschaft, sondern in seinen Lobeshymnen kaum zu bremsen: "Was hier bisher geleistet wurde, ist schier unbeschreiblich. Die Boys können erhobenen Hauptes ins Viertelfinale gehen." Dort wartet in der Nacht zu Donnerstag um 0.00 Uhr mit den USA ausgerechnet die Mannschaft des Gastgebers.

Zach kam aus dem Staunen nicht heraus

Vor dem ersten Auftritt am großen Salzsee hatte der Trainer noch jedem, der es hören wollte, verdeutlicht, dass die Chance auf das Überstehen der Vorrunde bei höchstens einem Prozent liege. Aus diesem Prozent entwickelte sich schnell weitaus mehr, und Zach kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Doch noch immer erläutert er in schöner Regelmäßigkeit die Gründe dafür, warum das alles gar nicht hoch genug einzuschätzen ist mit den vor allem in der Defensive feinen Vorstellungen bei Olympia.

"Stellen Sie einen 18-jährigen deutschen Eishockeyspieler neben 18-Jährige aus den Top-Nationen: Zu diesem Zeitpunkt hat jeder Einzelne der anderen schon 10 000 Eisstunden mehr auf dem Buckel als der Deutsche", betont der Coach, steckt die Hände in die Hosentaschen und schaut alle Ungläubigen mit aufgerissenen Augen an. Dabei passt das merkwürdige braune Stoffjackett mit Bundesadler auf dem Ärmel, mit dem die Offiziellen der deutschen Olympiamannschaft ausgestattet worden sind, wohl zu keinem besser als zum Zach Hans.

Der gebürtige Tölzer ist noch Trainer bei den Kassel Huskies und wird in der kommenden Saison die Kölner Haie übernehmen. Die dortigen Journalisten freuen sich schon auf den 52-Jährigen, denn kein anderer Trainer hier zu Lande garantiert ähnlich gute Schlagzeilen wie Zach. Dass er langhaarige Spieler nach Hause schickt und ihnen sagt, dass sie erst wiederkommen sollen, wenn der Friseur seine Arbeit vollbracht hat, ist nur eine von vielen Geschichten über den konservativ veranlagten Dirigenten an der Bande.

Zach braucht Reibungspunkte

Der machte Anfang der neunziger Jahre mit seinem damaligen Düsseldorfer Team auf Einladung eines Scheichs einen Abstecher in die Wüste. Beim abendlichen Zusammensein mit dem Gastgeber fackelte der Alpenvulkan nicht lange: Er erlegte und zerlegte ein Schaf fachgerecht und hinterließ einen erstaunten Scheich.

Was nichts über seine fachlichen Qualitäten im Eishockey aussagt, aber viel über den Charakter. Nicht lange reden, sondern zupacken und arbeiten - damit ist er gnädig zu stimmen. Wie er zugleich Leute mag, die ihm Widerworte geben. Vor denen hat er Respekt, an denen kann er sich reiben. "Wir wollen uns nicht abschlachten lassen", hat er während der Olympiatage mal gesagt. Was bei ihm, dem Ex-Metzger, eine besondere Bedeutung bekommt.

Wenn er gute Laune hat, erzählt er gern Geschichten von früher, als er selbst noch spielte. 0:7 lag er mit der Nationalelf nach dem ersten Drittel gegen die Sowjetunion zurück. In der Pause habe der damalige Bundestrainer Xaver Unsinn ganz trocken gesagt: "Jungs, drei mal sieben ist 21."

Gegen die NHL-Stars im Rampenlicht

Könnte auch von Zach stammen. Der machte seinen Spielern klar, dass sie sich mit den Spielen gegen die Prominenz der nordamerikanischen Profiliga NHL "einen Lebenstraum erfüllen" können. Gegen jene Stars, die sich zumindest in der schmalen Halle im olympischen Satellitenort Provo mit einem Fassungsvermögen von nur gut 6 000 Zuschauern ziemlich deplatziert vorkamen. So richtig ernst scheinen sie das Intermezzo auch nicht zu nehmen, obwohl sie für die unter sinkenden Einschaltquoten leidende NHL vor der Ringe-Kulisse eigentlich Werbung in eigener Sache betreiben sollen.

Bundestrainer Zach würde bei dieser Vermutung bezüglich der Motivation der Konkurrenz wohl vehement widersprechen. Mit der ihm eigenen Gestik und Mimik, mit krassen Formulierungen. Und zwischendurch auch mal mit kurzen Pausen, die die Bedeutung seiner Worte unterstreichen sollen.

Zackig daherzukommen ist ja schön und gut. Ab und an aber muss es auch eine Auszeit für "Hans Zack" geben.

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