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27.01.2003

12:18 Uhr

Das Kernthema im Fokus

Davos-Tagebuch (7): Zurück zu den Wurzeln

VonHermann-Josef Knipper

Es schneit in Davos, der Himmel ist verhangen an diesem Montagvormittag. Das Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Bergen kehrt zu den Wurzeln zurück: Nachdem der nahende Irak-Krieg vier lange Tage fast sämtliche offiziellen Debatten und Party-Gespräche überschattet hatte, nachdem Davos am Sonntag mit dem Auftritt von US-Außenminister Colin Powell doch noch für eine Stunde im Rampenlicht der Weltpresse stand, und nachdem Hunderte von Amerikanern in der Nacht zum Montag beim "Super-Bowl" um die Nachruhe gebracht wurden, kehrte das Manager-Treffen heute morgen zum Kerngeschäft zurück.

DAVOS. Und dies dreht sich um das Motto "Building Trust - Vertrauen schaffen", in diesem Fall nicht in die Politik, sondern in Unternehmen, Banken und Finanzmärkte.

Hauptveranstaltung dieses Vormittags war die Diskussion über die künftige "Corporate Governance", also über die Art und Weise, wie Unternehmen gut, transparent und erfolgreich geführt werden können, nachdem Skandale und Pleiten wie Enron und Worldcom oder der Analysten-Mißbrauch bei großen US-Banken das Vertrauen der Investoren in die Finanzmärkte und ihre Akteure verloren haben. Und die damit mit dafür sorgen, dass der Crash auf Raten an den Weltbörsen immer noch nicht überwunden ist.

Die Teilnehmer der Diskussion - Nestle-Chef Peter Brabeck-Letmathe, PwC-Chef Samuel DiPiazza, Delphi-Chef J.T. Battenberg III. und EU-Unternehmensrechts-Experte Jaap Winter - waren sich in einem Punkt einig: Es gibt nicht den einen Schuldigen an der tief greifenden Vertrauenskrise, sondern alle Marktakteure tragen eine Mitverantwortung an der Misere. Manager, Wirtschaftsprüfer, Aufsichtsbehörden, Gewerkschaften, Anwälte, Investoren und Medien.

DiPiazza sagte voraus, dass es noch lange dauern wird, bis die lähmende Phase des Misstrauens wieder überwunden ist: "Vertrauen aufzubauen, dauert Jahre. Vertrauen zu zerstören, dauert nur Sekunden." Nach seiner Ansicht kommt es vor allem darauf an, die Transparenz zu erhöhen: Das, was das Mangement beschließe, müsse für die Investoren besser nachvollziehbar sein.

Wenn die Diskutanten dem noch zustimmen konnten, so stellte sich doch rasch heraus, dass über die Ausgestaltung einer neuen, transparenteren, besseren, vertrauenswürdigeren Corporate Governance keine Einigkeit herrschte. Brabeck etwa warnte davor, zu viel von den neuen Regeln der US-Aufsichtsbehörde SEC zu erwarten: "Es kann doch nicht sein, dass wir uns in der Vorstandssitzung zu 95% mit den neuen Regeln beschäftigen, statt unsere Kraft dafür zu nutzen, das Unternehmen voran zu bringen." In seinen Augen sollten die Regeln möglichst einfach sein, und dem Markt als Regulativ solle mehr zugetraut werden: "Eisenhower hat einmal gesagt, wer die Privilegien über die Prinzipen stellt, droht beides zu verlieren. Genau das ist bei Enron und Worldcom passiert. Wichtiger noch als neue Corporate Governance-Grundsätze ist das ordentliche Führen des Unternehmens."

Battenberg und Winter empfahlen, grundsätzlich die Positionen des Vorstandschefs (CEO) und des Aufsichtsrats (Board) zu trennen - in den USA liegt beides oft in den Händen einer Person, in Deutschland dagegen ist beides seit langem getrennt. Wichtig, so Battenberg, sei zudem, dass die Wirtschaftsprüfer nur vom Aufsichtsrat bestellt würden. An den entscheidenden Sitzungen des Aufsichtsrats sollten am besten auch keine Manager beteiligt werden, um die Unabhängigkeit und die Kontrollfunktion des Gremiums zu verbessern.

Brabeck geißelte die Kurzsichtigkeit der Märkte als einen der Gründe dafür, dass viele Unternehmenschefs bei der Aufstellung ihrer Quartalsberichte zu Sklaven ihrer früheren Prognosen würden. Statt langfristig und strategisch zu denken und zu handeln, würden viele Entscheidungen des Managements vornehmlich auf die Aktien-Performance an der Börse ausgerichtet. Dies schade vielen Unternehmen. Deshalb hält Brabeck auch nichts davon, die Rolle institutioneller Investoren bei der Schaffung neuer Transparenz- und Kontroll-Mechanismen zu stärken: "Die Institutionellen waren doch mit dafür verantwortlich, dass immer mehr auf kurzfristige Erträge statt auf langfristige Wertsteigerung geachtet wurde."

Das Davoser Treffen kam mit dieser Veranstaltung "auf den Boden der Realitäten zurück", wie sich ein führender deutscher Unternehmer äußerte. Der Gedankenaustausch darüber, wie das Management verbessert werden kann, welche neuen Geschäftsideen geboren werden, wohin die aktuellen Trends gehen. "Und es wurden diesmal mehr Geschäfte gemacht als je zuvor", verlautete aus exzellenter Quelle. Damit hätte sich der sündhaft teure Davos-Aufenthalt für viele Teilnehmer wieder einmal gelohnt. Und der Irak ist plötzlich wieder ganz weit weg...

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