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03.01.2001

00:00 Uhr

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Das sprechende Internet

VonMaike Telgheder

Jean Paul Schmetz bringt das Internet zum Sprechen. Der Chef von Burda Digital hat in den vergangenen Monaten das "Talking Web" mitentwickelt, ein Internet-Portal, das es ermöglicht, Informationen aus dem Internet per Telefon abzuhören. Denn die meisten Internetnutzer möchten ihre E-Mails lesen oder die neuesten Nachrichten abfragen, wenn sie gerade keinen Computer zur Hand haben.

Auf der Technologiemesse CeBIT im März will der 32-Jährige das Produkt der breiten Öffentlichkeit vorstellen. Derzeit wird es bereits in den USA und Deutschland erprobt. Talking Web ist ein Gemeinschaftsunternehmen von der Burda-Tochter Cyberlab GmbH und der Mannesmann Arcor AG & Co.

Schmetz, der 1996 sein Softwareunternehmen AO Software mit Burdas Cyberlab Interactive Productions fusionierte, arbeitet seit 1998 am sprechenden Internet. Bis zur CeBIT will der gebürtige Belgier auch Kooperationsverträge mit zehn Content Providern für die Lieferung von Inhalten unter Dach und Fach haben. Talking Web ist ein Internetportal, auf das man jederzeit übers Telefon zugreifen kann. Der Nutzer ruft unter der Hotline-Nummer 0180 5999 8255 an und wählt aus verschiedenen Rubriken wie "Nachrichten" oder "Wetter" aus, welche Informationen er abhören will. Die Stimme ersetzt dabei quasi die Maus, mit der man sich durchs Portal navigiert und der Sprachbefehl den Klick. Als Spiel ist in Deutschland derzeit Black Jack im Angebot, das tägliche Horoskop gibt es ebenfalls.

Neben solch allgemeinen kann sich der Nutzer auch maßgeschneiderte Angebote abholen, die Infos über das eigene Aktiendepot beispielsweise. Dafür gibt es die personalisierte Funktion "Mytalkingweb". Auch seine E-Mails kann man sich vom Sprachcomputer am Telefon vorlesen lassen. Schmetz, der sich via Talking Web übrigens am liebsten die CNN Radio Spots und Late-Night-Talker David Lettermann anhört, sieht gerade in den individuell zugeschnittenen Angeboten das größte Potenzial für Talking Web.

Auf Seiten der Content Provider ist der Aufwand, die Internetangebote für die Sprachtelefonie fit zu machen, nach Ansicht von Schmetz nicht sehr groß. Ein Großteil der Arbeit sei für die Unternehmen, die mit ihren Websites die Inhalte liefern, schon gemacht, meint er. Die Lufthansa beispielsweise habe bereits schon die entsprechende Datenbank, so dass nur noch eine einfache Oberfläche in der Internetprogrammiersprache HTML geschrieben werden müsste, das der Nutzer An- und Abflugzeiten per Spracherkennung abrufen kann. Eine ideale Nutzungssituation für das sprechende Internet sieht der Cyberlab-Chef im Auto per Freisprechanlage. Denn Studien haben gezeigt, dass beispielsweise die Nutzer von AOL mehr Zeit im Auto als im Internet verbringen. Aber schon zeigt sich bei den Testprogrammen in den USA und Deutschland eine rege Abfrage auch vom Festnetz aus ab. Das kostet in Deutschland zur Zeit übrigens 24 Pfennig pro Minute. Auch wenn Talking Web ein Gemeinschaftsunternehmen mit Mannesmann Arcor ist, versteht es sich als völlig offenes System, sowohl, was die Zusammenarbeit mit Telekommunikationsfirmen als auch den Content Providern anbelangt. Nicht zuletzt kann das Medium als geschlossenes Intranet für den Außendienst von großen Unternehmen genutzt werden.

Finanzieren will sich Talking Web, in dessen Entwicklung bisher ein zweistelliger Millionenbetrag gesteckt wurde, über drei Säulen. Die zunächst wichtigste ist der Verkauf der Technologie. Das Unternehmen will Lizenzen an Telekommunikationsfirmen vergeben. Hinzu kommen Einnahmen von den Content Providern, denen laut Schmetz geringe Gebühren für die Verlinkung in unseren Katalog berechnet werden. Die dritte Säule ist Werbung. Die kann dann von einer einfachen Ansage "gesponsert von der Marke xy" bis zum Radiospot reichen.

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