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29.06.2000

14:05 Uhr

ap WASHINGTON. Er hat Disneyworld besucht, ein typisches Barbecue erlebt, ferngesehen und Baseball gespielt - so, wie es amerikanische Kinder in seinem Alter tun. Doch die sieben Monate, die Elian in den USA verbrachte, waren alles andere als normal. Der Sechsjährige wurde mit Geschenken überschüttet, sogar ein Haustier, einen großen schwarzen Hund namens "Sinde", hat er bekommen. Aber was hat Elian sich wirklich gewünscht? Und mit welchen Gefühlen wird sich der kleine kubanische Flüchtlingsjunge an Amerika erinnern, wenn er wieder zu Hause ist?

"Er spricht nicht darüber, wo er ist. Darauf kommt es ihm nicht an", erzählt eine Beraterin der Familie, die Pfarrerin Joan Brown Campbell. "Das Wichtigste für ihn ist, bei seinem Vater zu sein, bei seinem kleinen Bruder und seiner Stiefmutter." Demnach dürfte sich seine Zeit in Amerika für Elian in zwei Phasen teilen: die mit und die ohne seine kubanische Familie.

Da waren zunächst die ersten fünf Monate in Miami, im Stadtteil Little Havanna. Elian wurde umsorgt von Verwandten, die sich seiner Sache annahmen - oder zumindest dessen, was sie dafür hielten. Der Junge, der seine Mutter auf der Flucht nach Florida verloren hatte, sollte nie wieder auf die kommunistische Insel zurück. Elian durfte nach Disneyland, bekam neue Spielsachen und lernte ein Leben kennen, das sich grundsätzlich von dem unterschied, das er in Kuba führte. Telefonate mit seinem Vater, Juan Miguel Gonzalez, waren eher selten. Elian ging auf eine private Schule, geleitet von Exilkubanern. Dort lernte er, dass Fidel Castro sein Volk unterdrückt, der Unterricht wurde auf Englisch gehalten, und die Schüler salutierten vor der amerikanischen Flagge.

Als Elians Großonkel Lazaro Gonzalez und seine Cousine Marisleysis anfingen, sich um seine Sicherheit zu sorgen, machten sie weniger Ausflüge mit ihm, nahmen ihn von der Schule und unterrichteten ihn daheim. Allmählich wurde das Haus in Little Havanna so etwas wie sein Zuhause, und Marisleysis sah sich selbst als Ersatzmutter für Elian. Irgendwann kamen die Demonstranten, die vor dem Haus gegen Castro und gegen Elians Rückkehr nach Kuba protestierten, und mit ihnen kamen die Journalisten. Immer, wenn Elian den Garten zum Spielen betrat, wurde er von den Rufen der Demonstranten und vom Klicken der Kameras begrüßt.



Utl: "Du kommst zu deinem Papa"



All das endete am 22. April. Elian wachte auf, als Beamte der Einwanderungsbehörde das Haus stürmten, um ihn seinen Verwandten in Miami wegzunehmen. "Das sieht jetzt vielleicht ganz schrecklich aus", soll eine Beamtin auf Spanisch zu Elian gesagt haben, als sie ihn zu einem weißen Lieferwagen brachte. "Aber es wird bald besser. Du kommst zu deinem Papa."

Mit dem Wiedersehen mit seinem Vater, seiner Stiefmutter Nersy und seinem Halbbruder Hianny begann für Elian eine neue Phase seines Aufenthalts in Amerika. Nach einigen Tagen auf einer Militärbasis bei Washington zog die Familie in ein weißes Farmhaus nach Maryland um. Und bald kamen auch Elians frühere Kindergärtnerin, ein Cousin und vier Spielkameraden aus Kuba, um ihm die Wartezeit bis zur Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zu verkürzen. Elian bekam noch mehr Geschenke, unter anderem auch einen Hund. Alle sorgten sich um sein Wohlergehen, auch um seine Psyche: Der Sechsjährige wurde von einem Kinderpsychologen betreut, den die Regierung geschickt hatte, später auch von einem Sozialarbeiter. Elian sei glücklich, wieder bei seinem Vater zu sein, berichteten sie.

Ende Mai zog die Familie erneut um, diesmal ins Zentrum von Washington. Und blieb dort, bis Elian endgültig nach Kuba zurückkehren durfte und wieder ein neues Zuhause bekam - das vierte innerhalb von sieben Monaten. Aber Elian ist das egal, wenn man Joan Brown Campbell glauben darf: "Er kümmert sich nicht darum, wo er ist, solange nur seine Familie bei ihm ist."



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