Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.01.2003

06:04 Uhr

Das Wohl und Wehe der US-Bankaktien hängt am Privatkundengeschäft

Familie Jones muss weiter kaufen

VonTobias Moerschen

Eigentlich könnte sich momentan fast jede Aktienanalyse auf eine einzige Frage konzentrieren: Hält die Konsumlust der amerikanischen Verbraucher an oder nicht? Falls ja, dann stehen die Aussichten für die größte Volkswirtschaft der Erde gut - und damit auch für die Aktienmärkte.

NEW YORK. Das gilt ganz besonders für US-Bankaktien. Wenn die nette US-Normalfamilie Jones weiter ihr Haus beleiht und ihre Kreditkarten fleißig nutzt, dann können Investoren mit der Branche kaum etwas falsch machen. Das Geschäft mit Hypothekendarlehen und Kreditkarten hat sich zum großen Wachstumsmotor der US-Banken entwickelt.

Die US-Verbraucher halten - bis jetzt - die Konjunktur in Schwung und stützen so die wackligen Finanzmärkte. Aber was passiert, wenn Familie Jones plötzlich aufhört, immer mehr geborgtes Geld für neue Häuser, größere Auto und Billigprodukte aus China zu kaufen?

Nun, dann wäre keine einzige US-Bankaktie empfehlenswert. Denn ob Hypotheken, Kreditkarten oder Wertpapierhandel - das gesamte Finanzgeschäft hängt direkt oder indirekt vom amerikanischen Konsum ab.

Bislang hat Familie Jones die Investoren nicht enttäuscht - im Gegenteil. In der laufenden Berichtssaison zum vierten Quartal 2002 gilt die Faustregel: Je stärker eine Bank im Privatkundengeschäft engagiert ist, desto bessere Zahlen meldet sie. Zu den Gewinnern zählen derzeit Regionalinstitute wie Wells Fargo, die viertgrößte US-Bank mit Sitz in San Francisco. Auch Wachovia, die Nummer sechs aus dem Südosten der USA schnitt gut ab. Und die Bank of America, das drittgrößte US-Institut, konnte dank profitabler Privatkunden ihre Probleme mit faulen Firmenkrediten auffangen. Am Montag meldete der Kreditkartenanbieter American Express sogar einen Gewinnsprung - wiederum dank der ausgabefreudigen Familie Jones. Der weltgrößte Finanzkonzern Citigroup profitierte ebenfalls von seinem Standbein im globalen Massengeschäft. In diesem Bereich verdiente das Institut im vergangenen Quartal 98 % des Nettogewinns. Citigroups Investmentbanking-Sparte schrieb dagegen Verluste.

Dhaval Joshi, zuständig für die globale Anlagestrategie bei Société Générale, glaubt, dass sich der positive Trend fortsetzt. "Die Hypothekenzinsen werden weiter sinken, die Leute werden ihre Kredite zu günstigeren Zinsen umschulden und das Kreditvolumen erhöhen", sagt er. Die guten Aussichten der US-Banken seien in den Aktienkursen noch nicht eingepreist. Die Branche dürfte sich an der Börse besser entwickeln als der Gesamtmarkt.

So weit die positive Sicht. Doch Diane Glossman von UBS Warburg in New York weist auf die Risiken hin: "Dieser Konjunkturzyklus ist noch nicht zu Ende, für ein Urteil über die Risiken bei Verbraucherkrediten ist es daher noch zu früh", sagt Glossman. Soll heißen: So lange die US-Wirtschaft ihren wackligen Seitwärtstrend beibehält, weiß niemand, ob die Kreditausfälle bei Privatkunden nicht doch noch stark ansteigen.

Bislang scheinen US-Banken die Kreditrisiken bei ihren Privatkunden weit besser zu managen als bei ihren Firmenkunden. So belasten zwar zweifelhafte Kreditengagements mit Kunden aus den Branchen Energieversorgung, Fluglinien, Telekom die Ergebnisse. Die Ausfälle bei Hypotheken- und Kreditkartendarlehen sind dagegen erstaunlich niedrig. American Express konnte seine Rückstellungen dafür sogar senken.

Doch es gibt Banken, die wie UBS-Analystin Glossman vor verfrühtem Optimismus warnen. So sieht die Investmentbank Morgan Stanley Risiken in ihrer Kreditkartensparte. Überdies basiert die Vergabepraxis bei Hypothekenkrediten auf der Erfahrung, dass die Häuserpreise in den USA seit 50 Jahren nie gefallen sind. Falls die "Immobilienblase", von der einige US-Volkswirte schreiben, platzt, haben viele Häuslebauer plötzlich keine ausreichenden Sicherheiten für ihre Kredite mehr.

Wenn das passiert, haben US-Bankaktien sehr viel Luft nach unten. Das Gleiche gilt dann aber auch für fast jede andere Aktie.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×