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24.01.2007

18:52 Uhr

Davos-Eröffnung

Die Rede von Kanzlerin Merkel im Wortlaut

Mit einer Grundsatzrede über die Ziele der deutschen EU- und G8-Präsidentschaft hat Angela Merkel das 37. Weltwirtschaftsforum in Davos eröffnet. Die Rede der Kanzlerin im Wortlaut.

Sehr geehrte Frau Bundespräsidentin, sehr geehrter Herr Professor Schwab, meine Damen und Herren!

Das Leitthema des Forums, The Shifting Power Equation, bringt die globale Situation auf den Punkt. Die Weltwirtschaft befindet sich in einem unglaublichen Wandlungsprozess. Vieles wird umgewälzt, was wir lange Zeit für unverrückbar hielten. Wir sollten uns immer wieder klar machen: Es sind gleich drei historische Ereignisse innerhalb von wenig mehr als fünfzehn Jahren, die diese Entwicklung ausgelöst haben:

Erstens: Der Fall der Mauer und die Wiedereingliederung Osteuropas und Russlands in die Weltwirtschaft.

Zweitens: Die technologische Revolution bei Information und Kommunikation. Nur eine kleine, alltägliche Auswirkung: Jede e-mail, die 1997 verschickt wurde, hat sich im Jahr 2005 um den Faktor 215 verviel-facht. Wer in sein elektronisches Postfach schaut, weiß, wovon ich rede.

Drittens: Der Wechsel Chinas und Indiens von den statischen zu den dynamischen Volkswirtschaften und ihre sprunghafte Integration in die globalen Märkte. Allein dadurch wird ein Drittel der Weltbevölkerung vom Zuschauer auf der Weltbühne zum Mitspieler.

Die Perspektiven ändern sich. Wir, die angestammten Spieler, sagen dazu: Es wird unübersichtlicher. Die neuen Akteure sagen: Es wird chancenreicher. Wahr ist: Es entsteht ein neues globales Kräfteverhältnis.

Das Gute daran: Das ökonomische Potenzial der Erde ruht heute auf viel mehr Schultern als noch vor zehn Jahren. Wir sehen es an den außer-gewöhnlich hohen und dauerhaften Wachstumsraten der Weltwirtschaft. Das nutzt uns allen Industrieländern, Schwellenländern, Entwicklungsländern.

Das Herausfordernde daran: Gewohnheiten, Erbhöfe, angestammte Rechte sind keine Garantie mehr für Erfolg. Die alten Hierarchien ebnen sich ein. Die Welt ist flach geworden, wie es der amerikanische Publizist Thomas Friedman beschreibt. Ressourcen, Potentiale und Macht können sich über Nacht verschieben.

Gestern hat das schweizerische Prognos Institut eine Studie veröffentlicht. Danach wird China in zwei Jahren (2009) die Exportweltmeister des letzten halben Jahrhunderts, Deutschland und die USA, an der Spitze ablösen.

Aber die Herausforderung gilt nicht nur für die klassischen Industrieländer. Um es schonungslos auf den Punkt zu bringen: Diejenigen, die sich als Gewinner von morgen sehen, dürfen sich nicht zu sicher fühlen, dass sie auch die Gewinner von übermorgen sind.

Ich höre von einem deutschen Mittelständler im Maschinenbau (KTR Kupplungstechnik), hochspezialisiert, mit mehr als 40 Tochtergesellschaften, Ingenieurbüros und Vertriebspartnern weltweit: Dessen chinesischer Kunde verlagert bereits Produktion (Weberei) von China nach Botswana, der niedrigeren Lohnkosten wegen! Das zeigt, wie viel in Bewegung ist. Es zeigt aber noch mehr: Wenn wir es richtig anpacken, dann können Vorteile für alle drei Standorte erwachsen seien es Arbeitsplätze, Exportchancen, Investitionen, Know-How-Transfer oder Steuereinnahmen.

Dennoch führt dieses Beispiel zur Kehrseite der Globalisierung. Hoffnungen für die einen bedeuten Sorgen und Ängste für die anderen. Wir als Politiker kennen diese Ängste und müssen deshalb alles daransetzen, die Globalisierung auch politisch zu gestalten. Wir dürfen genau diese Seite auch nicht ausblenden. Und auch innerhalb der einzelnen Volkswirtschaften sind die Folgen sehr unterschiedlich. Hinzu kommt, dass es auch heute noch viele Länder gibt, die vom globalen Aufschwung abgeschnitten sind. Zudem verschärft der globale Wettbewerb den Raubbau an der Natur. Der Schutz geistigen Eigentums erodiert. Es ist offensichtlich, dass viele bisherige Antworten nicht mehr so recht funktionieren. Mit den Folgen der Globalisierung umzugehen, bedeutet deshalb vor allem eine geistige Herausforderung, nicht zuletzt für die Europäer.

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