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08.01.2001

10:26 Uhr

Dem Verteidigungsministerium wurden Vorsichtsmaßnahmen empfohlen

Scharping wusste Bescheid

Kommentar: Nato kann EU-Sorgen nicht mehr ignorieren Scharping: Keine Gefahr

ap/dpa BERLIN/ROM/MADRID. Die Bundeswehr und die anderen Bündnisarmeen sind bereits zu Beginn des Kosovo-Einsatzes im Juli 1999 von der NATO vor den möglichen Gefahren der Uran-Munition gewarnt und zu entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen aufgefordert worden. Das geht aus einem internen Schreiben des Bundesverteidigungsministeriums hervor, aus dem die "Berliner Morgenpost" (Montagausgabe) zitiert und dessen Existenz am Sonntag von einem Sprecher des Ministeriums in Berlin bestätigt wurde.

Die Bundeswehr hat nach Angaben des Sprechers seinerzeit sofort reagiert. Es seien eindeutige Befehle für das Verhalten bei radioaktiv verseuchten Gebieten und von Uran-Munition zerstörten Zielen erteilt worden. Wie der Sprecher weiter mitteilte, gab es bis Sonntag keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass der an Leukämie erkrankte ehemalige Zeitsoldaten bei seinem Einsatz in Bosnien mit Uran-Munition in Kontakt gekommen war.

Bundeswehr lässt Balkan-Syndrom überprüfen

In der Bundeswehr ist der erste Fall eines Leukämie kranken Soldaten bekannt geworden, der 1997 in Bosnien stationiert war. Ein Zusammenhang mit der von der Nato auf dem Balkan eingesetzten leicht radioaktiven Uran-Munition wird geprüft, von Verteidigungsministerium und Deutschem Bundeswehr-Verband aber als eher unwahrscheinlich eingestuft. Politiker und Verbände forderten am Samstag erneut umfangreiche Aufklärung über den Einsatz von Uran- Munition während der Kriege auf dem Balkan.

Der Ministeriumssprecher sowie der Chef des Bundeswehr-Verbandes, Bernhard Gertz, sagten übereinstimmend, sie rechneten mit weiteren ähnlichen Fällen. Bei der Zahl von 50 000 in Bosnien und dem Kosovo eingesetzten Soldaten sei es schon statistisch nahe liegend, dass es mehrere Leukämie-Fälle gebe, die aber nichts mit dem Abwurf der leicht radioaktiven Munition zu tun hätten. "Die Bundeswehr muss aber jedem Krankheitsfall präzise nachgehen", sagte Gertz.

Bundeswehrverband für ein Verbot von Uran-Munition

Der Bundeswehrverband hat sich für ein Verbot von Uran-Munition ausgesprochen. Im ZDF-Morgenmagazin betonte Bernhard Gertz, am Montag, dass es Alternativen ohne Strahlung gebe, die als panzerbrechende Geschosse eingesetzt werden könnten. "Da die Vereinigten Staaten die einzige Nation gewesen sind, die diese Munition im Kosovo-Luftkrieg verwendet hat, sollte es in der Tat möglich sein, gemeinsam so viel Druck auf die USA auszuüben, dass sie diese Munition nicht mehr verwendet." Die Nato will sich an diesem Dienstag mit den Gefahren der Uran-Munition befassen.

Gertz wollte zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein Restrisiko für Soldaten und Zivilbevölkerung nach dem Einsatz von Uran-Munition nicht ganz ausschließen. Für ein endgültiges Urteil müssten erst die Abschlussberichte der Expertenkommission der Vereinten Nationen und eines eigens von Verteidigungsminister Rudolf Scharping beauftragten Instituts vorliegen. Er wies darauf hin, dass bisher der statistische Mittelwert von Leukämieerkrankungen in jedem Geburtsjahrgang bei der Bundeswehr nicht überschritten worden sei. Für viel aussagekräftiger hielt Gertz eine signifikante Häufung von Nierenschäden, weil Nierenversagen nach der Inhalation von radioaktiven Schwermetallstaub der erste Indikator für eine Krankheit sei.

Mindestens 6 italienische Soldaten starben

Die italienische Nachrichtenagentur AGI berichtete unter Berufung auf eine militärische Expertenkommission, dass der Krebstod von mindestens sechs italienischen Soldaten auf die Verwendung der uranhaltigen Munition zurückzuführen sei. Auch aus Spanien wurden am Wochenende zwei Todesfälle nach Balkan-Einsätzen gemeldet. Insgesamt seien sieben Soldaten und ein ziviler Mitarbeiter an Krebs erkrankt, berichteten "El Pais" und "El Mundo".

In Portugal sollen rund 10 000 Armee-Angehörige einem Gesundheitstest unterzogen werden. Auch alle 900 Schweizer Soldaten, die im Balkan im Einsatz standen, sollen untersucht werden. Ein Leukämieopfer gab es bisher unter tschechischen Balkan-Soldaten. Ferner wurde bei vier Franzosen Blutkrebs diagnostiziert.

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