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20.01.2003

08:51 Uhr

Der 54-Jährige folgt Steve Case

Die Stunde des Unscheinbaren

VonThorsten Riecke (Handelsblatt)

Bei AOL Time Warner hat Richard Parsons jetzt das Sagen. Der bedächtige Afro-Amerikaner soll kräftig aufräumen und dem weltgrößten Medienkonzern eine neue Richtung weisen.

Richard Parsons beerbt Steve Case an der AOL-Spitze. Foto: dpa

Richard Parsons beerbt Steve Case an der AOL-Spitze. Foto: dpa

Richard Parsons hat seine Rolle im Medienkonzern AOL Time Warner einmal so beschrieben: "Es wird immer jemand gebraucht, der nach der Elefanten-Parade aufräumt", sagte er in der ihm eigenen Bescheidenheit. Der Aufmarsch der Elefanten in der Medienindustrie ist zweifellos zu Ende. Ob Thomas Middelhoff bei Bertelsmann, Jean-Marie Messier bei Vivendi oder jetzt Steve Case bei AOL Time Warner - alle gefeuert oder ins Abseits gedrängt.

Vorbei ist die Zeit der zahllosen Internet-Visionäre, jetzt schlägt die Stunde der Bewahrer: Gunter Thielen bei Bertelsmann, Jean-Rene Fourtou bei Vivendi und jetzt Dick Parsons bei AOL Time Warner. Profite statt Visionen lautet das Motto dieses Aufräumkommandos der Unscheinbaren. "Die 90er-Jahre waren das Zeitalter der großen Deals, jetzt müssen wir die Unternehmen managen", sagt Parsons. Er wolle den weltgrößten Medienkonzern besser führen, als das bislang der Fall war, verspricht er den Investoren.

Diese versteckte Kritik ist aber auch schon das Äußerste, was dem 54-jährigen Time-Warner-Veteranen mit Blick auf seine Vorgänger über die Lippen kommt. Der bärtige, fast zwei Meter große Afro-Amerikaner ist ein überaus freundlicher, umgänglicher Mann, der von seinen Mitarbeitern nicht gefürchtet, sondern geschätzt wird. Fay Vincent, Kollege von Parsons im Verwaltungsrat von AOL, nannte ihn einmal gar einen "Teddybären".

Für Insider war es deshalb auch keine Überraschung, dass Parsons und nicht der inzwischen geschasste Bob Pittman im Mai 2002 zum Chief Executive Officer des Konzerns ernannt wurde. Schon damals hatten die Großaktionäre von AOL Time Warner die Nase voll von Internet- Träumen und sehnten sich zurück nach dem soliden Geschäft mit Magazinen, Filmen, Fernsehen und Musik. Nach dem Rücktritt der Time- Warner-Legende Gerald Levin kam eigentlich nur Parsons für den Top-Job in Frage. Er stand bei der Fusion zwischen AOL und Time Warner im Abseits und konnte jetzt - da es überall im Konzern knirscht - seine Hände in Unschuld waschen.

Die Rückeroberung des Unternehmens durch Time Warner hat mit der Berufung Parsons zum CEO begonnen. Dass er nach dem erzwungenen Abgang der AOL-Ikone Steve Case auch den Posten des Chairmans übernimmt, zieht jetzt einen vorläufigen Schlussstrich unter die größte Fusion aller Zeiten - und markiert zugleich ihr Scheitern.

Der Niedergang von AOL hat zwar die Karriere von Parsons ungemein befördert, der Internet-Dienst ist jedoch zugleich auch sein größtes Problem. Wenn er den Verlustbringer nicht wieder auf Vordermann bringen oder abstoßen kann, werden die gebeutelten, ungeduldigen Aktionäre bald auch seinen Kopf fordern. Dies gilt umso mehr, da er jetzt als CEO und Chairman freie Hand hat, dem Unternehmen seinen Stempel aufzudrücken. Die Tatsache, dass der Verwaltungsrat Parsons einstimmig gewählt hat, zeigt zumindest einen gewissen Vertrauensvorschuss.

Der gebürtige New Yorker ist schwierige Missionen gewohnt. In den 90er-Jahren vermittelte er erfolgreich, als sich Time und Warner nicht über ihren Zusammenschluss einigen konnten. Wenige Jahre später rettete er die Übernahme des Turner-Imperiums durch Time Warner. Zuvor hatte Parsons bereits die Sparkasse durch eine schwere Krise geführt.

Sein diplomatisches Geschick hat der Jurist in den 70er-Jahren beim damaligen New Yorker Gouverneur Nelson A. Rockefeller gelernt. Seitdem verfügt Parsons über exzellente Beziehungen in Wirtschaft und Politik. Präsident George W. Bush wollte ihn vor zwei Jahren in seine Regierung holen und machte Parsons 2001 zum Co-Chairman einer Kommission, die Vorschläge für eine Reform der Altersvorsorge erarbeiten soll. Seine Drähte nach Washington könnten ihm helfen, die eingeleiteten Untersuchungen gegen AOL wegen Bilanzfälschungen ohne allzu großen Schaden zu beenden.

Irgendwann jedoch wird die Aufräumarbeit getan sein und Parsons vor der gleichen Frage stehen, die derzeit alle Medienmanager beschäftigt: Mit welcher Strategie gehen die Konzerne nach dem Scheitern der Internet-Träume in die Zukunft? Spätestens dann werden sich neue Manager-Elefanten wieder zu einer Parade formieren und ihre Visionen verkaufen.

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VITA

Am 4. April 1948 wird Richard Parsons in New York geboren. Nach einem Jurastudium an der Universität Albany wurde er 1971 Assistent beim damaligen New Yorker Gouverneur Nelson A. Rockefeller an. Mit Rockefeller wechselte er nach Washington und diente auf verschiedenen Posten in der Administration von Präsident Gerald Ford. Zurück in New York heuerte er bei einer Anwaltskanzlei an. Ende der 80er-Jahre wechselte Parsons zur Sparkasse Dime Savings, wo er schnell die Geschäftsführung übernahm. Seit 1991 gehört Parsons dem Führungsgremium von Time Warner an. Mitte der 90erJahre wurde er dann zum Präsidenten des Konzerns ernannt. Im Mai 2002 wurde der Manager Chief Executive Officer, ab Mai 2003 wird er auch Chairman des Unternehmens sein.

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