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17.02.2002

19:05 Uhr

Der 59-Jährige ist Chef des neuen Stahlkonzerns Arcelor

Guy Dollé: Der bodenständige Konzernherr

VonANDREAS BOHNE

Er steht vor der größten Herausforderung seines Lebens: Der 59-jährige Dollé muss drei Unternehmen zum größten Stahlkonzern der Welt zusammenschweißen.

HB PARIS. "Die Hierarchien müssen flacher werden." Der Satz klingt wie das Glaubensbekenntnis eines Unternehmensberaters. Er kommt aber aus dem Mund von Guy Dollé, der seit ein paar Wochen den frisch fusionierten Stahlkonzern Arcelor führt. Dollé hat mit der Spezies des nassforschen Beraters nichts gemein. Er tritt unprätentiös auf, spricht leise und beharrt darauf, als Vorstandschef "ein ganz normaler Mensch wie jeder andere" zu sein.

Er setzt sich damit von seinem langjährigen Vorgesetzten und Förderer, Usinors Président Directeur Général Francis Mer, ab. Doch ist diese Eigenschaft wohl entscheidend bei der Zusammenführung der französischen Usinor, der spanischen Aceralia und der luxemburgischen Arbed zum größten Stahlkonzern der Welt. Vor allem der Fusionspartner Arbed pflegt die organisierte Dezentralisierung. Ohne die Luxemburger, in deren 100 Jahre alten Firmensitz der Arcelor-Vorstandschef bald einziehen wird, wäre die Fusion nicht zu Stande gekommen.

Ein Umzug von Paris nach Luxemburg käme für die meisten Pariser Führungskräfte nicht in Frage. Und wie bei Rhône-Poulenc bei der Fusion mit Hoechst zur Straßburger Aventis laufen Arcelor derzeit die Führungskräfte davon. Dollé hat mit dem Ortswechsel keine Probleme. "Ich bin ein Mann der Provinz", sagt er. Das klingt wie ein Bekenntnis. Der Sohn eines Kunstglasers, der aus Compiegne im Norden Frankreichs stammt, hat viele Jahre in Lothringen verbracht, das ihm zur Heimat geworden ist.

Seine Wirtschaftskarriere startet er erst spät. Mit 40 Jahren fängt er nach Studium und Arbeit in einem Stahlforschungszentrum auf der mittleren Führungsebene beim französischen Stahlkonzern Usinor an. Dann geht es aber steil nach oben - nicht zuletzt, weil er bei Sozialkonflikten dem von Saint Gobain gekommenen Mer öfters die Kohlen aus dem Feuer holt. Schließlich macht ihn der umsichtige, aber unnahbare Mer 1999 zum zweiten Mann im Konzern.

Seither führt Dollé bei Usinor das Tagesgeschäft. Der Mann fürs Strategische bleibt Mer. Das entspricht den Charakteren der beiden Männer. Bei Arcelor müssen nun der frisch gekürte Vorstandschef Dollé und sein künftiger Aufsichtsratschef Mer wieder zueinander finden - unter den Augen der grauen Eminenz des Partners Arbed, Joseph Kinsch, der ebenfalls dem Aufsichtsrat vorsteht.

Dollé ist bescheiden. Nicht einmal für zwei Besucher würde sein winziges Büro im 24. Stock des "Pacifique"- Turms im Pariser Hochhausviertel La Defense reichen. Darin lacht ihn stapelweise die Aktenarbeit an. Die Papierstöße verdecken, dass sich hier und da schon die Tapeten ablösen.

Außer Stuhl, Schreibtisch und den Stapeln hat sich nur ein geducktes Buffet in Dollés Klause verirrt. Darauf liegen Dutzende von Medaillen und Plexiglas-Blöcken, Auszeichnungen für Erfolge der Teamarbeit, wie sie in Großunternehmen gerne vergeben werden. Dazwischen ein verstaubtes Modell einer Galeone und zwei Fußbälle mit Autogrammen von Nationalkickern und Mitarbeitern, die ihm nahe stehen.

Was wird er an persönlichen Erinnerungen mitnehmen in sein neues Luxemburger Büro? "Das Schiff und die Fußbälle", sagt Dollé, ohne zu zögern. Natürlich werden ihm auch die wilden Aktenberge ins Großherzogtum folgen. Dollé ist kein Mann mit einem Imageproblem, was sein Büro angeht.

Richtig wohl fühlt er sich ohnehin eher bei seinen Leuten, wiewohl er nicht vorgibt, dass dies nur die Stahlarbeiter sind. Vertraute sagen ihm ein äußerst genaues Gedächtnis für Personen nach. Mitarbeiter von Standorten, wo er vor langer Zeit beschäftigt war, verblüfft er bisweilen spontan mit Einzelheiten aus ihren Lebensläufen.

Ein Detail aus seiner Vita ist äußerst untypisch für Pariser Führungskräfte. Bis zu seinem 35. Lebensjahr hat Dollé, der noch heute samstags und sonntags je eine Stunde lang joggt, Ligafußball gespielt. "Das war nicht die erste Division, aber eben auch nicht die Thekenmannschaft", sagt er, und es schwingt ein bisschen Stolz mit.

Früh spielte er als Libero. Noch heute bewundert er Franz Beckenbauer für seine eleganten Pässe, seinen Überblick über das Spielgeschehen und für die Freiheit, die er Mitspielern ließ, aus den gegebenen Chancen etwas zu machen. Das ist Dollés Führungsmodell. Auch für Arcelor.

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