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21.02.2003

08:43 Uhr

Der 71-Jährige ist neuer Chef der US-Börsenaufsicht SEC

Der aalglatte Taktierer

VonTobias Moerschen (Handelsblatt)

William Donaldson war schon im Ruhestand. Doch jetzt hat der gewiefte Wall-Street-Veteran einen Spitzenjob übernommen. Bei der US-Börsenaufsicht braucht er viel Fingerspitzengefühl.

William Donaldson

William Donaldson

NEW YORK. Er hat es geschafft. Seit dieser Woche ist er neuer Chef der US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC). Damit krönt der 71-jährige William Donaldson eine Ausnahme-Karriere mit so vielen Top-Positionen, dass sich damit locker zwei oder drei Lebensläufe füllen ließen.

Abschlüsse der Top-Universitäten Harvard und Yale, Mitglied der US-Elitetruppe Marines, Mitgründer einer Investmentbank, Staatssekretär in Washington, Chef der New Yorker Börse und des größten US-Krankenversicherers - es scheint kaum etwas zu geben, was er noch nicht gemacht hat.

Gerade die Fülle von Ämtern und Funktionen erscheint jedoch einigen Kritikern als Warnsignal. Das US-Magazin "Fortune" zitiert einen Wall - Street-Manager mit der Bemerkung, Donaldson sei in seinem Berufsleben mehrfach "nach oben gefallen". Der als äußerst ruhig und ausgeglichen geltende Wall-Street-Veteran habe von seinen engen Verbindungen zum US-Establishment profitiert. So gehört er wie US-Präsident George W. Bush dem Geheimbund Skulls and Bones an, der seine Mitglieder an der Yale-Universität rekrutiert.

Bevor der bereits nominierte SEC-Chef sich dem US-Senat stellen konnte, diskutierten die Medien genüsslich alle Schwachpunkte in Donaldsons beruflichem und privatem Lebenslauf. Ein Vorwurf lautete, als damaliger Chef der New Yorker Börse (NYSE) habe er die so genannten "Floor Broker" nicht ausreichend überwacht. Diese Makler platzieren große Kauf- und Verkaufsaufträge. Einige nutzten offenbar Anfang der 90er-Jahre ihr Insiderwissen, um von marktbewegenden Orders zu profitieren. "Anspielungen, dass diese kriminellen Aktivitäten zu meiner Amtszeit stattfanden, sind sehr irreführend", konterte Donaldson vor den US-Senatoren.

Ähnlich wies er Vorwürfe zurück, die sein Gastspiel als Chef des größten US-Krankenversicherers Aetna betrafen. Kurz nachdem Donaldson seinen Posten nach nur 14 Monaten geräumt hatte, veröffentlichte Aetna eine Gewinnwarnung. "Die Gesellschaft hatte ein kleines Problemchen. Wir hatten dieses Problemchen nicht erwartet und haben unsere Aktionäre informiert, sobald wir davon erfuhren", wischte er den Verdacht vom Tisch, er habe Informationen zurückgehalten.

Donaldson überzeugte die Politiker. Nach der Befragung vor dem Bankenausschuss des US-Senats sagte Senator Paul Sarbanes: Donaldsons Erklärungen seien "okay". Das brachte Donaldson auf seinem Weg zum SEC-Chef ein großes Stück weiter.

Mit seinem Auftritt vor den Senatoren bewies er einmal mehr sein Talent, sich aus heiklen Situationen herauszuwinden. Diese Eigenschaft scheint er selbst sehr genau zu kennen: Als die drei Gründer der Investmentbank Donaldson, Lufkin & Jenrette einmal ein Tier auswählen mussten, das sie am besten repräsentierte, habe sich Donaldson für den Aal entschieden, berichtet das Magazin "Fortune".

Seine Fähigkeiten als gewiefter Taktierer kann Donaldson bei der SEC gut gebrauchen. Zum einen muss er die Vielzahl von Interessen der verschiedenen Finanzinstitutionen ausbalancieren, welche die SEC kontrolliert. Gleichzeitig muss er sich im Wettstreit mit anderen Aufsichtsorganen behaupten. In der Amtszeit von Donaldsons Vorgänger Harvey Pitt hat der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer mit seinen Ermittlungen gegen Investmentbanken in Bereiche eingegriffen, die einst allein der SEC unterstellt waren. Schon vor seiner Ernennung warnte Donaldson deshalb vor einer "Balkanisierung" der Finanzaufsicht.

Und schließlich wird er all sein Fingerspitzengefühl brauchen, um einen neuen Chef für das Aufsichtsgremium der Wirtschaftsprüfer zu finden. Der erste Chef, William Webster, stolperte über einen eigenen Bilanzskandal. Das beschädigte auch das Image des früheren SEC-Chefs Pitt. Donaldson darf sich einen ähnlichen Patzer auf keinen Fall leisten. Deshalb hat er die Suche nach einem geeigneten Chef für das Wirtschaftsprüfer-Gremium zu seiner wichtigsten Aufgabe erklärt.

VITA

Sein Studium der US-Geschichte schließt William Donaldson 1953 an der Universität Yale ab. Dann dient er bei den Marines, einer Elite-Einheit der US-Armee, in Südostasien. Seinen Doktortitel erhält er 1958 an der Harvard-Universität. Ein Jahr später gründet er die Investmentbank Donaldson, Lufkin & Jenrette. Nach einem Ausflug in die Politik unter Präsident Richard Nixon wird er Dekan der Business-School an der Yale-Universität. Er gründet eine Anlagegesellschaft und leitet von 1991 bis 1995 die New Yorker Börse. Im Februar 2000 wird er Chef des größten US-Krankenversicherers Aetna. 14 Monate später geht er in den Ruhestand. Den hat er jetzt für seine neue Aufgabe als SEC-Chef unterbrochen.

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