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08.05.2000

17:09 Uhr

Der Allianz-Manager steht nicht gern im Rampenlicht

Paul Achleitner - Der gewiefte Stratege bei der Allianz

VonCaspar Busse

Als großer Hoffnungsträger kam der 43-Jährige vor rund 100 Tagen zum Münchener Allianz-Konzern . Jetzt erlebte der erfolgsverwöhnte Star der Investment-Branche sein persönliches Waterloo.

Hinter der coolen und gelassenen Fassade war Paul Achleitner nervös. Immer wieder zog er hinter seiner kleinen ovalen Brille hektisch die Augenbrauen hoch, blinzelte irritiert in die Runde von etwa 60 Journalisten, die sich am Dienstag Abend im Münchener Hilton-Hotel zu einem "Hintergrundgespräch" versammelt hatten. Nein, Veranstaltungen wie diese mag der öffentlichkeitsscheue Banker nicht.

Vor rund 100 Tagen hat der nur einssiebzig große Österreicher seinen neuen Job im Vorstand des Münchener Allianz-Konzerns angetreten. Und selten hat eine Personalie für so viel Aufsehen gesorgt. Der 43-Jährige gilt als einer brillantesten Köpfe der Investmentbank-Szene. Er fädelte als Deutschland-Chef von Goldman Sachs fast alle großen Fusionen der vergangenen Jahre ein - etwa die von Daimler und Chrysler oder die Übernahme von Bankers Trust durch die Deutsche Bank. Die Überraschung war groß, als Achleitner im vergangenen Herbst seinen Wechsel zur Allianz bekannt gab.

Noch größer waren die Erwartungen, die mit seiner Berufung verbunden waren. Achleitner, so die Hoffnung der Börsianer, werde für frischen Wind bei der Allianz sorgen. Und Anfang März - Achleitner war erst acht Wochen im Amt - folgte die Sensation: Deutsche und Dresdner Bank versprachen sich die Ehe, die Rolle des Trauzeugen (und des eigentlichen Profiteurs) sollte dem mächtigen Versicherungskonzern aus München zufallen. Der Deal hätte das Gesellenstück Achleitners bei der Allianz werden können. Das böse Erwachen kam indes vier Wochen später: Die unvollendete Mega-Fusion wurde zur Blamage.

Fest steht, dass Achleitners Siegerimage Schrammen abbekommen hat. Schließlich ging der erfolgsverwöhnten Allianz nicht nur ein lukratives Geschäft durch die Lappen. Er ist auch das erste Mal in der jüngeren Konzerngeschichte, dass ein strategisches Projekt dieser Tragweite so kläglich scheiterte. Auch wenn Achleitner eine Verantwortung für das Fiasko strikt ablehnt, so räumt er doch auf beharrliches Nachfragen Fehleinschätzungen ein. Dass es gerade um die Zukunft des Investment-Bankings im neuen Bankkonzern einen solchen Krach geben könnte, habe er nicht erwartet. Verwunderlich, müsste doch gerade ein Investmentbanker seines Formats die Empfindlichkeiten und Eigenarten seiner Kollegen bei Deutscher Bank und bei Dresdner Kleinwort Benson kennen wie kein anderer.

"Es menschelte halt. Dagegen ist kein Kraut gewachsen", entschuldigte sich Achleitner jetzt. Der Frust bei der Allianz ist groß. Der steilen Karriere Achleitners dürfte die Pleite aber wohl nicht nachhaltig schaden. Der promovierte Betriebswirt heuerte nach dem Studium bei der internationalen Unternehmensberatung Bain & Co. an und wechselte 1988 zur renommierten Investmentbank Goldman Sachs. 1997 stieg er zum Deutschland-Chef auf. Achleitner war einer der wenigen Deutschsprachigen in der Chefetage von Goldman Sachs. Der Börsengang der Wall-Street-Institution dürfte auch ihn zum Millionär gemacht haben.

Zur Allianz dürfte Achleitner deshalb auch nicht des Geldes wegen gewechselt sein. Vielmehr waren es Macht und Einfluss die ihn reizten. Als Finanzvorstand bei der Allianz - den Job teilt sich Achleitner mit seinem Kollegen Joachim Faber - wurde er zum Sachwalter eines Beteiligungs-Portefeuilles im Wert von 60 Milliarden Mark - dem mit Abstand größten in Deutschland.

Viel Zeit für seine Frau und seinen zweijährigen Sohn hatte Achleitner wohl noch nie. Doch bei der Allianz arbeitet der Workaholic seit Jahresanfang nach Auskunft von Insidern jetzt noch deutlich mehr als bei Goldman Sachs - zuletzt quasi rund um die Uhr. Alleine im vergangenen Jahr wurden der Allianz 257 Übernahmeangebote unterbreitet, berichtete Achleitner jetzt. Das ist - statistisch betrachtet - mehr als eine Offerte pro Arbeitstag. Und alle müssen gewissenhaft geprüft werden. Gleichzeitig werden neue Strategien entwickelt.

Kein Wunder, dass die Familie jetzt den vergleichsweise ruhigen Zeiten bei Goldman Sachs nachtrauert.

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