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27.07.2000

19:22 Uhr

Der Anlagebedarf der Anleger treibt die Preise nach oben, die Renditen sinken

Ritt auf dem Zins

Experten rechnen damit, dass der Konjunkturzug in den USA und Europa an Fahrt verliert. Dadurch gewinnen die Rentenmärkte.

tlu. In der Mainzer Niederlassung der Regulierungsbehörde für Telekommunikation herrschen ab nächsten Montag Zustände wie in einem Hochsicherheitstrakt. Dort nämlich kommen - in getrennten Räumen und unter laufender Beobachtung - die Vertreter mehrerer Telekommunikationskonsortien zusammen, um ein milliardenschweres Geschäft abzuwickeln: die Versteigerung der neuen UMTS-Mobilfunklizenzen.

Börse erwartet Ergebnis der UMTS-Auktion mit Spannung

Das Ergebnis der Auktion wird an der Börse mit Spannung erwartet. Die Fans von Telekommunikations-Aktien wollen wissen, welche Unternehmen aus dem Rennen als Gewinner hervorgehen und wie viel Geld sie dafür auf den Tisch legen mussten. Doch auch die Zinsanleger stehen in den Startlöchern. Denn einige Experten rechnen damit, dass bei dem Verkauf 90 bis 100 Milliarden Mark zusammenkommen könnten. Bundesfinanzminister Hans Eichel wäre damit fein raus. Er könnte auf absehbare Zeit auf die Emission neuer Bundesanleihen verzichten und sogar einen Teil der laufenden Bundespapiere mit Hilfe der Finanzspritze zurückkaufen. Geld im Rücken hat er auch durch die sprudelnden Steuereinnahmen auf Grund des guten Wirtschaftswachstums.

Große Nachfrage nach lang laufenden deutschen Staatsanleihen

"Auf der anderen Seite ist die Nachfrage der institutionellen Anleger nach lang laufenden deutschen Staatsanleihen groß", weiß Michael Krautzberger, Rentenfondsmanager bei der Union-Investment. "Und eine Rentenreform mit Einführung einer kapitalgedeckten Zusatzrente könnte diese Nachfrage noch verstärken", ahnt er. Folge: Der Anlagebedarf der Anleger treibt die Preise nach oben, die Renditen sinken.

Das Ganze ist freilich eine Spekulation. "Wenn die Einnahmen aus der Auktion geringer als erwartet ausfallen, besteht für deutsche Staatsanleihen kurzfristig die Gefahr von Kursverlusten", warnt Carsten Werle, Rentenanalyst bei der WestLB.

UMTS-Effekt hat nur begrenzte Wirkung

Doch nach Meinung vieler Experten hat der "UMTS-Effekt" nur begrenzte Wirkung. Sie sehen die Zinsen in Euroland bereits nahe an ihrem zyklischen Gipfel.

"Der Höhepunkt der Konjunktureuphorie scheint erreicht", begründet Helga Bartsch, Deutschland- und Europa-Volkswirtin bei Morgan Stanley Dean Witter, ihre Einschätzung. Trotz des letzten Rückschlags liegt zum Beispiel der Ifo-Geschäftsklimaindex noch immer im Aufwärtstrend. Doch die Stimmung könnte bald umschlagen. "Die Frühindikatoren signalisieren eine Abschwächung der Konjunktur in den USA und Großbritannien", beobachtet Holger Schmieding, Chief Economist Europe der US-Investmentbank Merrill Lynch. "Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das auch in Euroland zu beobachten sein wird."

In einer Rede vor dem Senat hat sogar der wahrlich nicht zu voreiligen Prognosen neigende US-Notenbankchef Alan Greenspan eingeräumt, dass sich das Wirtschaftsklima in den USA deutlich abkühlt. Nach 4,5 Prozent im Jahr 2000 rechnet er im kommenden Jahr nur mit einem Wachstum von 3,5 bis 3,75 Prozent. Jenseits des großen Teichs zeigen damit die anhaltenden Zinsanhebungen der Notenbank endlich Wirkung.

EZB beunruhigt Inflationsrate

Noch beunruhigt die Europäische Zentralbank (EZB) aber die hier zu Lande stark gestiegenen Inflationsraten. Die 2,4 Prozent im Juni lagen deutlich über den Erwartungen der meisten Analysten. Doch Entspannung naht. Der Ölpreis, einer der Tempobolzer bei der Inflation, scheint seine Kursrally vorerst beendet zu haben, und die vorläufigen Daten im Juni lagen wieder unter zwei Prozent - der Marke, die die Europäische Zentralbank für gerade noch tolerabel hält. Dennoch rechnen Analysten mit einem Zinsschritt der EZB im nahenden Herbst. Anders als in den USA läuft die Konjunktur in Euroland immer noch auf Hochtouren, gleichzeitig dümpelt der Kurs des Euros deutlich unter der Marke von einem Dollar. "Die EZB könnte noch mal kräftig zulangen und einen Zinsschritt um 50 Basispunkte machen", befürchtet Merrill-Lynch-Ökonom Schmieding. - vielleicht etwas zu viel des Guten, denn die Wirkung der vergangenen Zinserhöhungen zeigt sich erst mit Zeitverzögerung. "Auf jeden Fall bietet eine Leitzinsanhebung Zinssenkungsphantasie im kommenden Jahr", glaubt Schmieding.

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