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07.02.2002

19:05 Uhr

Der australische Medienzar könnte die Krise bei Kirch ausnutzen

Kommentar: Die Deutschen haben Angst vor Murdoch

VonJoachim Hofer

Im Zentrum des Sturms ist alles ruhig: Die Chefetage der Kirch-Gruppe gibt sich in diesen Tagen demonstrativ optimistisch. Ob es um Sportrechte, Filmbibliothek oder die hauseigenen Fernsehsender geht: Die Vorstände des bayerischen Medienimperiums planen für die Zukunft, als sei alles in bester Ordnung.

Foto: ap

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Dass all die Konzepte, die derzeit in der Zentrale ausgebrütet werden, jemals umgesetzt werden, ist freilich mehr als zweifelhaft. Die Lage der hoch verschuldeten Kirch-Gruppe ist ernst. So ernst, dass außerhalb des Hauptquartiers in Ismaning kaum jemand an ein Fortbestehen des Unternehmens in seiner derzeitigen Form glaubt.

Einige Banken und Wettbewerber arbeiten seit Tagen zielstrebig am Untergang des Konzerns in seiner jetzigen Form. Ganz oben auf der Liste derer, die Interesse an Teilen des Kirchschen Firmengeflechts haben, steht der Medienzar Rupert Murdoch.

In der Branche hat der Australier einen Ruf wie Donnerhall. Nach der französischen Vivendi Universal gilt Murdochs News Corp. als zweitgrößtes weltweit aufgestelltes Medienunternehmen. Seit Jahren geht der Tycoon auf allen Kontinenten in Zeitungsverlagen und Fernsehstationen auf Einkaufstour. Dabei scheut sich Murdoch nicht, über seine Medien massiv Einfluss auf die Politik zu nehmen. Mit Blättern wie der "Sun" und der "Times" in Großbritannien hat der Unternehmer schon Wahlen entschieden.

Mit einem Fuß in der Tür bei Kirch

Über seinen Bezahlfernseh-Kanal BSkyB steht Murdoch bereits mit einem Fuß in der Tür bei Kirch. Der britische Sender hält 22 % an Kirchs Pay-TV-Station Premiere. Das allein wäre noch kein Grund zur Besorgnis. Im Herbst hat Murdoch allerdings das Recht, die Anteile gegen geschätzte 1,9 Mrd. ? zurückzugeben, falls Premiere seine Ziele nicht erreicht. Und das ist angesichts stagnierender Abonnentenzahlen und hoher Verluste sehr wahrscheinlich. Andererseits fehlt Kirch jedoch das Geld, um die Forderung zu begleichen - schließlich hat die Gruppe rund 6 Mrd. ? Schulden. Zudem drohen eine Forderung des Springer Verlags über 770 Mill. ? und die Rückzahlung einige Kredite, die auslaufen.

Murdoch könnte deshalb nicht nur Premiere komplett übernehmen. Er könnte auch als Retter den Einstieg in das Kerngeschäft der Kirch-Gruppe, also den Fernsehsender und den Rechtehandel, schaffen. "News Corp. ist bekannt für seine unvorhersehbaren strategischen Schachzüge", warnt sogar die angesehene Rating-Agentur Standard & Poor?s. Allein der Gedanke, Murdoch könnte in Deutschland ähnlich dominant auftreten wie in England, hat in den vergangenen Tagen für Schweißperlen bei Politikern und Medienmanagern hier zu Lande gesorgt. Vor allem die Berliner versuchen offenbar hinter den Kulissen mit aller Macht, den ausländischen Eindringling außerhalb der Grenzen zu halten.

Gewiss, alle Spekulationen über eine "nationale Lösung" haben sich bislang nicht bestätigt. Von Stoiber bis Schröder hat jedoch kein Spitzenpolitiker Interesse daran, sich in Zukunft mit Murdoch arrangieren zu müssen. Und die inländischen Wettbewerber im Fernsehmarkt wollen den Kuchen nicht mit einem neuen, gefräßigen Spieler teilen. Hilfe kann Kirch im Überlebenskampf also von denen erwarten, die in der Front gegen Murdoch vereint sind. Das allein wird jedoch nicht reichen, um den drückenden Schuldenberg abzutragen. Vermutlich wird Kirch einige Perlen seines Reichs verkaufen müssen.

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