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28.05.2000

14:36 Uhr

"Der Bürger muss vor dem Staat geschützt werden"

Burkhard Hirsch - Innenpolitiker, kantiger Liberaler und Querdenker

Er verkörperte stets das, worum sich seine Partei in den letzten Jahren häufig vergeblich bemühte: Eigenständigkeit und Profil. Der FDP-Politiker Burkhard Hirsch gilt als ein kantiger, konsequenter "altlinker" Liberaler und Querdenker. Mit seiner hartnäckigen Prinzipientreue erwarb er sich Respekt bei politischen Freunden und auch bei Gegnern - und bisweilen nervte der im Umgang stets liebenswürdige Herr alle damit.

Die von ihm - lange Zeit gemeinsam mit dem ebenfalls als linksliberal eingestuften Gerhart Baum - betriebene innerparteiliche Opposition führte ihn zuletzt in die Isolation innerhalb der eigenen Fraktion. Bei der Besetzung von Ämtern, etwa dem des Justizministers, ging er leer aus. Lediglich zum ehrenvollen Amt des Bundestagsvizepräsidenten reichte es in seiner letzten Legislaturperiode. 1998 schied Hirsch aus dem Bundestag aus. An diesem Montag feiert der 1930 in Magdeburg geborene Hirsch seinen 70. Geburtstag.

Dies alles verhalf ihm Anfang des Jahres bei der rot-grünen Koalition zu einem nicht minder ehrenvollen Amt. Er wurde Sonderermittler im Bundeskanzleramt für die verschwundenen Leuna- Akten. Bei der Suche wurden Lücken in den Aktenbeständen und bei der Dokumentation wichtiger Entscheidungsprozesse im Zusammenhang mit dem Verkauf der Raffinerie in Leuna sowie des Tankstellennetzes Minol an den französischen Konzern Elf Aquitaine festgestellt. Hirsch soll dazu disziplinarrechtliche Vorermittlungen führen und Bedienstete im Kanzleramt dazu befragen. Eigentlich wollte er in Kürze einen Bericht vorlegen, doch dieser verzögert sich.

Für diese Aufgabe bringt der gelernte Jurist vielfältige Voraussetzungen mit. Er kennt aus seiner Zeit als nordrhein-westfälischer Innenminister Arbeitsweise und Aufbau öffentlicher Behörden, er hat Einblick in die Wirtschaft aus seiner Tätigkeit als Direktor bei Mannesmann, und in seiner Hartnäckigkeit ist er gewohnt, zur Aufklärung der Sachverhalte penible Fragen zu stellen. Ausschlaggebend für die jetzige Regierung dürfte aber gewesen sein, dass Hirsch zwar Einblick in die CDU/CSU/FDP-Regierungsstrukturen hatte, diese Koalition nach der Wende von 1982 aber stets ablehnte.

Der Rechts- und Innenpolitiker ist unbeirrt davon überzeugt, dass der Bürger vor dem Staat geschützt werden muss. Und auch diese Überzeugung lässt auf die Intensität schließen, mit der Hirsch die Machenschaften im Kanzleramt aufzudecken sucht - jener staatlichen Schaltstelle, die damals von der inzwischen in einen Spendenskandal verwickelten CDU dominiert wurde.

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