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03.04.2003

06:53 Uhr

Der Degussa-Chef im Porträt

Utz-Hellmuth Felcht: Der Integrator

VonBert Fröndhoff (Handelsblatt)

Beim ersten Besuch von Utz-Hellmuth Felcht in der Zentrale des Essener RAG - Konzerns hatte der Wachdienst das Nachsehen: Nachdem der 56-Jährige in der Tiefgarage geparkt hatte, fand er rasch den Weg zum Aufzug und fuhr zur Verwunderung einiger Sicherheitskräfte direkt in die Vorstandsetage. Oben angekommen, empfing ihn nicht nur RAG-Chef Karl Starzacher, sondern auch ein aufgeregter Wachmann. Der offenbar uninformierte Uniformierte ließ sich aber schnell beruhigen: Als Vorstandschef des Spezialchemiekonzerns Degussa, der künftig größten Tochtergesellschaft von RAG, genießt Felcht selbstverständlich eine Vorzugsbehandlung.

DÜSSELDORF. Das Geschehen ist ein paar Monate her, doch als Anekdote erzählt man es sich im Düsseldorfer Degussa-Konzern noch immer gern. Denn es steht für das, was Felcht ausmacht: Er weiß, was er will und welcher Weg ihn am schnellsten dorthin führt.

Doch jetzt, Wochen später, bekommt die Anekdote zudem Brisanz: Felcht wird als möglicher Nachfolger an der Spitze der RAG gehandelt, nachdem Starzacher überraschend seinen Rücktritt für Ende Mai angekündigt hat. War Felcht einem der ersten Besuche nur als Chef einer Tochter in der RAG - Zentrale, so könnte der Weg aus der Tiefgarage in die Vorstandsetage für ihn bald ganz alltäglich werden.

Felcht gilt als Favorit der Anteilseigner der RAG für die Nachfolge Starzachers. Wer seinen Karriereweg als Manager verfolgt, der weiß, warum: Der bodenständige Westfale hat sich in den vergangenen Jahren den Ruf eines Integrators erworben. Stets von Erfolg gekrönt, schaffte es Felcht, die unterschiedlichsten Unternehmen mit den unterschiedlichsten Managementkulturen zusammenzuführen. Dies genau ist auch bei Degussa und RAG vonnöten, denn es treffen Welten aufeinander: Hier der börsennotierte, wettbewerbsgetriebene Chemiehersteller, dort der montanbestimmte und politisch beeinflusste Steinkohleanbieter. Die beiden Konzerne sollen zwar strikt getrennte Gebilde bleiben, doch im künftigen Mutter-Tochter-Verhältnis ist die Verbindung eng.

"Beide Unternehmen brauchen dringend ein Bindeglied, das die unterschiedlichen Mentalitäten zusammenführt", kommentiert ein Degussa-Kenner die Situation. Dass Felcht das Zeug dazu hat, ein solches Bindeglied zu sein, hat er mehrfach bewiesen: Als Chef des früheren Spezialchemiekonzerns SKW Trostberg gelang ihm 1998 die Zusammenführung mit der Essener Th. Goldschmidt AG. Das Meisterstück lieferte der hemdsärmelige Vorstandschef ab, als er drei Jahre später das neue SKW-Gebilde mit dem Spezialchemiekonzern Degussa-Hüls erfolgreich verschmolz. Weil dies keine Liebeshochzeit war, sondern eine von den jeweiligen früheren Mutterkonzernen Viag und Veba verordnete Zweckehe, beneideten Felcht wenige um den Job.

Es ist eben alles eine Frage des Konzepts und der Durchsetzungskraft, wie der studierte Chemiker gern betont. Mit seiner Vision für die Degussa, einen fokussierten Spezialchemiekonzern zu bilden, stach Felcht beim Rennen um den Degussa-Chefposten Konkurrent Uwe-Ernst Bufe aus, der die frühere Degussa-Hüls AG führte.

Über gute Konzepte, die sich in entsprechenden Kennzahlen niederschlagen, doziert Felcht im kleinen Kreis mit Verve: Dann zündet er sich eine Zigarre an, schüttet sich ein Glas Rotwein ein und erzählt in astreinem westfälischem Dialekt von seiner "Story" und der angepeilten Größe bei der Kapitalrendite nach dem "return on capital employed".

Felcht schätzt den Druck, den ein börsennotiertes Unternehmen täglich spürt, und er schätzt Unabhängigkeit und Dezentralität: Den verschiedenen Degussa-Bereichen lässt er im operativen Geschäft weitgehend freie Hand - solange die Rendite stimmt.

Auch von der RAG forderte er von Beginn an eine größtmögliche Unabhängigkeit, denn in seine "Story" will er sich auf keinen Fall hineinreden lassen. Mit Erfolg: Beobachter hatten den Eindruck, dass sich Felcht nicht nur wie zuweilen auf dem Tennisplatz, sondern auch bei der RAG in gewohnter Weise durchsetzen kann.

Falls Felcht tatsächlich an die Spitze der RAG wechselt, kann er sein poesiealbumfähiges Motto der Degussa-Fusion aus der Schublade holen und den neuen Mitarbeitern vortragen. Aus dem Englischen übersetzt lautet dies so: "Seid stolz auf die Vergangenheit - lasst uns jetzt die Zukunft gewinnen".

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