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24.01.2003

09:04 Uhr

Der DFB-Teamchef über seine bemerkenswerte Rolle im deutschen Fußball

Rudi sucht den Superstar

Vonerich Ahlers und Marc Thylmann (Handelsblatt)

Spielt die Nationalelf schlecht, liegt es an den Akteuren. Nicht am Trainer. Denn der heißt Rudi Völler und ist spätestens seit der Weltmeisterschaft unantastbar. Der etwas andere Teamchef ist Meister der Belanglosigkeiten, steht aber nur ungern im Mittelpunkt belanglosen Liedguts. Dafür hat der 42-Jährige noch einen großen Traum als Trainer: einmal einen Superstar herausbringen.

Rudi Völler Foto: dpa

Rudi Völler Foto: dpa

LEVERKUSEN. Wenn Rudi Völler lächelt, wirkt er wie ein knuffiger Teddybär. Knuddelfaktor hoch, möchte man sagen. Ist es das, warum ihn Fußball-Deutschland so mag? Gut möglich. Doch auch sonst gibt es im Prinzip nichts, was gegen ihn spricht. Niemand sagt ihm Böses nach, nicht einmal der hinterhältigste Boulevard- Journalist pinkelt ihm vehement ans Bein. Ein freundlicher Zeitgenosse eben, der weiß, dass das Schicksal es gut mit ihm meinte im bisherigen Leben. Einer, der mit der italienischen Bedienung in der Bayer - Lounge im Leverkusener Stadion genauso nett umgeht wie mit den Promis aus der Fußballbranche. Und seine Gäste augenzwinkernd mit dem Hinweis empfängt, dass man die aufgetischten Kekse ruhig aufessen könne: "Der Calmund ist heute nicht da."

Reiner Calmund ist der dickste Manager der Bundesliga und quasi Hausherr in Leverkusen. Dort in der Geschäftsstelle steht dem Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft noch immer ein Büro inklusive Sekretärin zur Verfügung, der Kontakt zu Bayer ist nach wie vor intensiv. Auch ein Blick ins Internet beweist dies. Wer "www.rudi-voeller.de" eingibt, landet auf der Homepage des rheinischen Bundesligisten. Er selbst verspürt keinen Drang nach einer eigenen Seite. "Wenn Spieler aus Langeweile so etwas machen, ist das okay. Ich brauche das nicht, ich gebe genug Interviews", sagt der 42-Jährige im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Wer Rudi Völler befragt, kann sicher sein, dass es nie langweilig wird - zumindest jenen nicht, die gern Fußball-Dönekes aus vergangenen Tagen hören. Er plaudert über die WM 1986 und 1990 und verweist nebenbei darauf, dass er vor ein paar Tagen erst mit dem großen Beckenbauer über genau diese Themen gesprochen habe: "Da war ich mit dem Franz essen." Ob er des Kaisers Fragen exakter beantwortet hat, wissen wir nicht. Im Interview jedenfalls muss man mit allem rechnen. Fragt man nach der berechtigten oder unberechtigten Kritik an der Nationalelf, erzählt er unversehens von den 90er-Titelkämpfen und über die Einschaltquoten des italienischen Senders RAI. Am Ende des Exkurses stellt er selbst fest: "Okay, da bin ich etwas vom Thema abgekommen." Dann grinst er wieder, der Teddy.

Natürlich weiß er, dass "mein Kreditrahmen in der Öffentlichkeit etwas größer sein mag". Wo ein Berti Vogts und ein Erich Ribbeck längst zum Abschuss freigegeben wurden, wird bei Völler eher die Mannschaft abgewatscht. Im Wissen um diese angenehme Konstellation lässt es sich gelassen parlieren. Als Lieblings-Rudi der Nation darf man auch Belangloses hundertfach wiederholen, ohne dass es einem vorgeworfen wird. Und er ist ehrlich genug, es zuzugeben. Nach dem üblen 2:1 gegen die Färöer-Inseln im vergangenen Oktober bekannte der Teamchef öffentlich, dass "ich immer wieder den gleichen Käse erzähle".

Das macht ihn nicht unsympathischer, den Coach, der einst als Spieler freimütig eine Bayern-Aversion bekundete ("Bevor ich zu denen wechsele, spiele ich lieber in der Sahel-Zone") und im Vorjahr vom "Spiegel" als "Heimwerkertyp unter selbst ernannten Philosophen" bezeichnet wurde. Völler erkennt darin keine Beleidigung und kommentiert: "Wenn die wüssten, wie ich zu Hause als Handwerker bin. Ich bin schon froh, wenn ich unfallfrei und unverletzt die Tür aufschließe." Man glaubt es ihm.

Genauso wie die Freude über "ältere Damen, die mich nach der WM ansprachen und berichteten, dass sie jedes Spiel im Fernsehen geschaut haben". In solchen Momenten weiß er, dass er verantwortlich ist für "des Deutschen liebstes Kind". Dass in jener legendären Sitzung nationaler Fußball-Honoratioren im Sommer 2000 alle ihn anschauten, als ursprünglich nur ein Übergangskandidat für den Teamchefposten gesucht wurde, ist ihm noch gut in Erinnerung. Die Zusage fiel ihm dann nicht schwer. Völler sieht die Nationalelf gar als "letzte Bastion", mit der man sich identifizieren könne. "In Schalke, Dortmund oder bei Bayern spielen eben keine Schalker, Dortmunder oder Münchener mehr."

Der Ex-Torjäger hat verinnerlicht, dass sich die Zeiten geändert haben. Auch und gerade im Fußball. Nicht nur, weil - so sein Lieblingssatz - "es keine Kleinen mehr gibt". So mag er zwar in manchen Dingen "stockkonservativ" sein (siehe Interview), bestimmte Entwicklungen aber verfolgt er völlig unaufgeregt. Zum Beispiel, dass die jungen Spieler "heutzutage alle mit Laptop zum Länderspiel kommen". Bei der WM 1986 in Mexiko hingegen habe man "verzweifelt gewartet, dass mal wieder eine deutsche Zeitung ins Mannschaftshotel kommt, und die war dann vier Tage alt". Heute dagegen "sitzen sie beim DSF Sonntagmorgen zwei Stunden am Stammtisch und quatschen über Fußball. Und es wird noch nicht einmal langweilig." Da staunt der Rudi, und nicht nur er.

Ebenso wie nach dem überraschenden zweiten Platz bei der Weltmeisterschaft, der ihm später das Bundesverdienstkreuz, den Bambi, die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Hanau, seinem Team Platz eins bei der Wahl zur Mannschaft des Jahres und ihm Platz fünf bei der Wahl zum Menschen des Jahres einbrachte. Hat ihn alles gefreut, aber mit Verve vor die Kameras gezogen hat es den Besitzer einer Villa von 1898 - mit Freitreppe, Balusterbrüstung und Säulenpergola - nicht gerade. Außerhalb seines schmucken Heims, einst von einem wohlhabenden Schraubenfabrikanten bewohnt, darf es in der Regel etwas weniger sein.

Eher peinlich war ihm auch, dass ein skurriles Sangestrio mit einem Titel über ihn in die Hitparaden drängelte. "Es gibt nur ein? Rudi Völler" wurde gar zum Satz des Jahres gekürt, was eine Menge über die Lage der Nation aussagt. Das längst vergessene Duett Klaus & Klaus kupferte das platte Liedgut auch noch ab, griff die Ohren zudem mit "Waltzing Rudi" an und landete in den Mal- lorca-Charts zwischen Jürgen Drews, dem Partynator ("Party, Palmen, Weiber und ?nen Bier") und DJ Almklausi ("Hey, kleines Luder"). Musikalische Kriminelle, die aus therapeutischen Gründen eigentlich den Talkshows am Nachmittag zugeführt werden müssten. Zum Rudi-Song, der ihm schon vor der WM zugesandt wurde, meint Völler nur achselzuckend: "Die Musikwelt ist dadurch sicher nicht revolutioniert worden."

Ball flach halten ist auch angesagt, wenn es um seine werblichen Auftritte für E-Plus und Thomas Cook geht. "Es hat sicher schon bessere, aber auch schlechtere Werbespots gegeben. Ist eben Geschmacksache", urteilt Völler milde und hebt die Arme, als wolle er sagen: bin eben kein Schauspieler.

Sein Schwerpunkt liegt woanders. Der Fußball ist und bleibt sein Metier, und so kann es nicht verwundern, welchen Wunsch der Teamchef, seines Zeichens Ex-Torjäger, äußert: "Mein Traum wäre es, dass wir mal einen ganz großen Star im Sturm rausbringen. Einen Ronaldo oder einen kleinen van Nistelrooy." Ein neuer Völler würde der Nation auch schon reichen.

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